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Obelisken an der schönen, kühn geschwungenen Brücke
Obelisken an der schönen, kühn geschwungenen Brücke
 
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Bild von: Fredy Engeler
Reise: Unterwegs auf französischen Kanälen
Bericht: Merci Ange Gardien! Teil 2

Merci Ange Gardien! Teil 2

10.01.2007 15:00:25 (View count: 1339)

Drei Stunden später nach feinem Znacht, gutem Wein, viel Geklön in Form von Schiffsbau, Ausrüstungs und Flussgeschichten das ganze Prozedere in umgekehrter Reihenfolge: Unsere Gäste stehen vom Tisch auf, verabschieden sich ordentlich, ziehen dann ihre Kleider aus …. und schwimmen "nach Hause" …

Die Leinen halten der schwachen Strömung gut Stand, am Freitagmorgen, 30. Juni, nach der Schiffsputzete, d.h. nach der Beseitigung von ein paar hundert Insektenleichen starten wir in einen weiteren heissen Tag. Dank guten Aufzeichnungen erinnern wir uns auch rechtzeitig an die baufällige, sehr tiefe Brücke vor Schleuse 34 und unterqueren diese schadlos. In BaumelesDames machen wir an den neuen Steganlagen fest. An unkritischer Lage finden ca. 5 Jachten Platz, mind. 2 Plätze davon werden aber schon von gegen den Wind rostenden und schrottreifen Lauben besetzt; sie sind zwar "à vendre" ausgeschrieben, aber da hier kaum jemand ernsthaft zugreifen wollen wird; dürfte sich die knappe Parkplatzsituation in nächster Zeit nicht verbessern. Warum lässt die VNF, die gleich nebenan eine Basis betreibt, zu, dass der rare Anlegeplatz an der neuen und sicher nicht billigen Steganlage so verschleudert wird? Nach einem Stadtbummel sind wir froh, uns wieder der Kühle des Wassers und den Schatten spendenden Bäume anvertrauen zu dürfen.

Das Unheil naht in kleinen Schritten …. Wir befahren als nächstes No. 40, welche im "Guide Vagnon" folgenden Eintrag erhielt: "Schleuse mit sehr grosser Hubhöhe". Steuerbordseitig sind hier in der vorderen Hälfte sinnigerweise überhaupt keine Poller vorhanden. Also müssen wir gerade hier ausserordentlicherweise backbords anlegen. Die Anlegeseite ist nun nicht einfach eine Glaubensfrage, sondern man richtet sich vorab darauf ein; wir legen, da sich auf unserem Aramis auch das Steuer rechts befindet, lieber rechts an und haben drum auch fast alle Fender und Taue hier angebracht. Der unvorbereitet nötige Wechsel der Seite heisst also schnelles ummontieren von Abstandhaltern und Tauwerk. Und wenn man Tag für Tag unterwegs ist, greift die Routine um sich und man wird für Spezialfälle etwas liederlich. Kurz bevor wir die linke Mauer zum Festmachen touchieren, erinnert Ariane, aufmerksam wie sie meist ist, daran, dass links erst ein Fender ausgehängt ist. Also schnell, aber doch etwas widerwillig, nachrüsten, mindestens ein zweites Stück wird rübergetragen und festgebunden. Dann, als auch die Segler hinter uns in Position gegangen sind, kurz aussteigen und von der Schleusenmauer aus die ab Schiff nicht erreichbare, blaue Stange ziehen, Schleusung einleiten. Als wir sicher schon über einen Meter abgesenkt sind, höre ich Ariane, die in Schiffsmitte das Manöver begleitet, energisch schimpfen und am Seilwerk ziehen, stelle fest, dass sie das Bekneifen eines Taus beklagt. Das Schiff beginnt spürbar mehr und mehr Schieflage einzunehmen. Ich springe, gott-sei-Dank geht das jetzt noch, an Land, will an der roten Stange ziehen und den Nothalt auslösen. Nichts geschieht, die Stange muss klemmen, also wieder Sprung zurück aufs Deck, will Ariane helfen, das Seil vielleicht doch noch aus der Klampe reissen zu können. Es geht nicht, es spannt weiter an, die Schräglage wird schlimmer. Auf dem Achterdeck höre ich zu Boden fallende und zerspringende Gläser. Also wieder zurück nochmals an Land, diesmal mit aller Kraft an der roten Stange "reissen", nun lässt sich das Ding, welches ich jetzt wohl auch armiert aus dem Boden geschränzt hätte, bewegen, das rote Licht leuchtet auf, eine Sirene bimmelt, aber die Schleusung scheint vorerst ungebremst weiter zu gehen. Ich kann nicht zurück auf's Schiff springen, die Gangway ist inzwischen zu weit unten und das Cabrioverdeck versperrt einen Sprung aufs Achterdeck.

Ariane ruft nach einem Messer, ich sehe, dass dies nicht mehr gut gehen kann, Aramis schon zu schief in der Kammer hängt. Man hört jetzt auch aus der Pantry fallendes und berstendes Glas. Ich rufe der Gefährtin zu, vom Seil Abstand zu nehmen, da dieses nun plötzlich bersten könnte und weise sie an, sich gut an der Dachreling festzuhalten. Kaum gesagt, hört man einen Knall, etwas reissen, und der Schiffsrumpf fällt mit der Backbordseite auf den Fendern die Mauer hinunterrutschend über einen Meter in die Tiefe, prallt aufs Wasser auf, schaukelt wie wild auf und aus und treibt dann gegen die Steuerbordschleusenwand. Ariane kann sich halten und übersteht die Sache ausser dem gehörigen Schreck, der ihr in die Glieder fuhr, schadlos. Inzwischen wurde die Schleusung (doch noch) unterbrochen, auf dem Wasser kehrt Totenstille ein ….

Bilanz: Bleiche Ariane, die zu erklären versucht, was und wie jetzt gerade etwas Ernstes passierte; Aramis ist nicht viel geschehen, der Querdorn der klemmenden Klampe hat sich etwas verbogen. Das (noch fast neue) Seil, an dem kurzzeitig sicher gegen 10 Tonnen hingen, ist nicht gerissen, hat aber Schmauchspuren, es war offenbar nicht völlig verklemmt, sondern hat sich entwirrt, als der Dorn etwas nachgab. Definitiv und unrettbar Schaden nahm dafür unser gesamter Rotweinkelchbestand. Alle Gläser, die vom Vorabend noch zum Abwasch bereitstanden, rutschten über das Spülbrett hinaus und borsten auf dem Küchenboden. Das wird hart …..

10 Minuten später trifft eine VNFAngestellte ein, will nicht einmal wissen, was los war, leitet den Fortgang der Schleusung ein. Wir hatten definitiv Pech, dass die „Not-aus-Stange“ verhakt war und nicht sofort reagierte, aber auch grosses Glück, dass wir kurz vor dem Ereignis einen zweiten Fender ausbrachten. Wäre das Schiff nicht darauf der Wand entlang runtergefallen, hätte es mit Sicherheit einen grösseren Farb und Stahlblechschaden abgesetzt. Es ist sicher gut, dass die roten Stangen, an vielen Anlagen sieht man es schon, durch (hoffentlich) sensiblere rote Kabel ersetzt werden. Das Problem in hohen Anlagen ist aber auch damit nicht vom Tisch. Hat die Absenkung nämlich schon begonnen und ist man schon einen Meter oder zwei nach "unten" unterwegs, kann in einem Notfall, wenn zwei Schiffe in der Kammer sind und, wie meist, keines direkt neben den Stangen belegt werden kann, weder Stange noch Kabel erreicht werden. Ob die "Halt"Taste auf den mit Fernbedienungen gesteuerten Anlagen schnell und zuverlässig funktioniert, haben wir noch nicht ausprobiert. Es wäre eigentlich noch ganz interessant zu erfahren, wie die Vermietfirmen dieses heikle Thema ihrer Kundschaft vermitteln …. resp. zu was sie im Falle eines Falles raten.

Der Rest der Fahrt bis zum fast neuen Ponton der Gemeinde Laissey, kurz nach No. 44 verläuft ereignis und problemlos, fast langweilig. Ein Engländer hat schon angelegt, aber so, dass wir ohne Probleme auch Platz finden. Die Segeljacht "Meitli" legt im Päckli an unserer Breitseite an. Wir baden; dann packt Martin sein Schlauchboot aus und wir fahren damit zum Delta eines gegenüber einmündenden Bergbaches und treiben Geologiestudien. Nachtessen und anschliessend Reparaturarbeiten an der Deckwaschpumpe; das Ding war trotz einem Wasserfilter mit feinem Sieb offenbar schon wieder verschmutzt. Geklön mit Rivesaltes, Schokolade und Cantucchini, Portwein bis uns die Mücken fast perforiert haben. Die sternenklare Nacht ist ruhig, vom nahen Bahntrassé hört man nicht viel.

Am Samstag haben Seglers "Familientürk"; Eltern und Geschwister wollen auch mal sehen, was sich auf dem Doubs so alles abspielt und sind drum für einen Tag Fahrtbegleitung angereist. Wir legen nach einem ersten Morgenbad gegen 10 Uhr bei jetzt schon heisser Witterung ab und fahren Richtung Besançon. Die "Porte de Garde" 48 wird passiert und nach ca. einem Kilometer kommt uns, dank Kurve und Gebüsch erst spät erkennbar, eine beladene Péniche entgegen. Wir bremsen bis zum Stillstand, suchen uns im Kanalstück (wo der Guide folgendes vermerkt: "Wenig Wassertiefe im Kanal"), noch die breiteste Stelle, verharren dort, bis der Bug des Lastschiffes fast auf unserer Höhe angelangt ist und nehmen dann langsam Fahrt auf, der Bugstrahler hilft mit, dass wir während der Passage der Péniche nicht völlig in deren zerstörerischen Bann und Anzug geraten. Als das Schiff schon vorbei ist, macht uns eine Dame von jenem Führerhaus aus darauf aufmerksam, dass bald noch ein weiteres Lastschiff gleicher Bauart folge und wir besser umkehren würden …. Tja, echt guter Rat, nur wohin? Alles zurück bis zur Deviation, und die Segler hinter uns …?

Nein, das kann's nicht sein, also setzen wir die Fahrt fort. Aber wir entrinnen nicht, kurz vor der nächsten Schleuse kommt uns in Kanalmitte Péniche "Walker" mit höherem Tempo als das erste Lastschiff entgegen. Ich fahre 30 – 50 Meter zurück, suche wieder im vorhanden engen Rahmen den Ort, wo ich glaube, dass es knapp reichen könnte. Wir halten an und warten; "Walker" kommt unvermindert und für die Situation absolut zu schnell entgegen, bleibt praktisch in der Kanalmitte und lässt uns extrem wenig Raum für das Kreuzungsmanöver. Kurz bevor wir, nervenmässig fast so wie im Thriller "Lohn der Angst", Bug vor Bug stehen, nehme ich ganz langsam Fahrt auf und halte mit dem Strahler die Schiffsspitze möglichst rechts. Hier haben wir nur noch max. 1 Meter seitlichen Abstand  zu den Kanalsteinen, die da Stück an Stück teils unter, teils aus dem Wasser herausschauend, auf uns lauern. Der Tiefenmesser zeigt unter uns mal noch 70 Zentimeter, dann nur noch 50; dann, als wir das Lastschiff ungefähr zur Hälfte passiert haben, rumpelt es mächtig, wir haben unüberhör und fühlbar am Boden angestossen. Immerhin nicht mit dem Propeller. Die Sekunden bis die Péniche endlich ganz vorbei ist, dauern schier endlos.

Der fette Schiffer zieht seine Bahn ungerührt weiter. Ich packe sofort den Funkknochen, melde unserem Begleitschiff, dass wir aufgelaufen sind und es für sie also sehr knapp werde; dann den Fotoapparat und halte wenigstens fest, einen wie grossen Abstand "Walker" zu seinem Uferbord einhält, als er den Segler hinter uns passiert. Auch hier das gleich enge Spiel um Zentimeter, aber es kommt immerhin zu keinen Berührungen.

Nach der nächsten Schleuse haben wir wieder ein Stück Fluss vor uns. Badehosen montieren und nachsehen, wo wir touchierten sind eines. Ich stelle dabei fest, dass wir den Bodenkontakt wohl nur hatten, weil unser Schiff mit so genannten Kimmkielen ausgerüstet ist. Diese sind ca. 4 Meter lang, stehen in Längsrichtung links und rechts des Kieles in einem 45 Grad Winkel ca. ½ Meter gegen aussen, sollen bei einem Trockenfallen des Schiffes verhindern, dass es seitlich umkippt. Könnte zwar irgendwann schon mal nützlich sein, hier waren die Dinger aber jetzt wohl eher hinderlich. Ich suche die Aufprallstelle und bemerke, dass an einem dieser sehr massiven Teile der Kontakt mit den Steinen einen Metalldorn von ca. 2 cm Länge heraus getrieben hat … und das könnte zu einer bösen Verletzung führen, wenn man beim schwimmen daran vorbeischrammen sollte.

In Besançon angekommen, unterqueren wir die Zitadelle und belegen dann gleich nach dem Tunnel am schönen neuen Ponton der Stadt. Beim Eclusier am Tunnelende setze ich eine Meldung vom Vorfall ab und bete um einen Rapport der VNF; dies v.a. für den Fall, dass es doch noch irgendwo einen grösseren Schaden haben sollte. Man drückt uns eine Telefonnummer in die Hand und informiert, wir sollen dort anrufen. Ariane übernimmt das souverän. Der Angerufene versucht uns zuerst abzuwimmeln, meint, wir müssten direkt mit "Walker" Kontakt aufnehmen, dann als sie (herrlich!) beharrlich bleibt, stellt man den Besuch eines ihrer Funktionäre in Aussicht. Und so geschieht es, gute 2 Stunden nach dem Anruf schaut ein Vertreter der "Division Besançon" bei uns vorbei, betrachtet die Fotos, die ich von der Kreuzung "Walker mit "Meitli" schoss, rapportiert meine Aussage, hält fest, was vorfiel. Während er schreibt, klingelt mehrere Male sein Händy und schliesslich erfahren wir, dass die "Péniche Walker" mit über 235 Tonnen Gewicht genau dort, wo wir heute morgen in Laissey am Ponton starteten, in der engen Fahrrinne massiv auf Sand aufgelaufen sei und dass die VNF noch keine Ahnung hätte, wie dieses Schiff innert nützlicher Frist wieder flott gemacht werden könnte; sicher sei, dass es gar nicht einfach sein werde. Geschieht dem Typen ganz recht. Zwei Wochen später hören wir von "Meitli's" Crew,  dass sie eben einen Segler aus dem Elsass getroffen hätten, der wegen der aufgesessenen Péniche 2 Tage nicht passieren konnte.

Ein Stadtbesuch macht infolge grosser Hitze nicht so sehr Freude. Es scheint, dass mindestens die halbe Bevölkerung den Ausgang des Match's Frankreich / Brasilien kaum abwarten kann. Überall Grossleinwände und People welches mit TShirt Sprüchen Partei bezieht. Die Luft wird immer dicker; jawohl, jetzt muss bald der Moment da sein, wo man sie schneiden kann. La Grande Nation gewinnt bekanntermassen und so ist dann zwischen halb zwölf und zwei Uhr Nachts einiges los. Die Huperei und vielfaches Gegröhle schaffen es aber nicht, das Froschkonzert an unserem Liegeplatz zu übertreffen. Irgendwann kehrt allerorts Ruhe ein, auch Frösche müssen mal schlafen.

Am Sonntagmorgen machen sich schon um halb acht die ersten Pontonlieger zur Abfahrt bereit und stören damit den frühsonntäglichen Müssiggang. Wir entdecken dieselbe (deutsche) Crew kurz vor neun Uhr dann immer noch am 30 Meter entfernten Steg vor der Tunnelschleuse. Hat denen, die nach eigenen Angaben schon ein Jahr unterwegs sind, denn noch niemand gesagt, dass man, wenigstens an den Anlagen wo die VNF durch einen Funktionär persönlich vertreten sein will, erst um 9 Uhr schleusen kann? Als das ZmorgeGschirr weg ist, wird "Meitli" abgelegt und ebenfalls an den Wartesteg gefahren, aber mit dem Bug Richtung Dole. Die Crew versucht mit der Remote die Schleusensteuerung so zu manipulieren, dass das Signal auf Grün umstellen, sich die Tore doch gnädigst öffnen mögen. Aber nichts geschieht. Ich gehe also zum Tunnelschleusenwärterhäuschen hoch und frage nach, was nicht funktioniert. Der junge Mann meint "nichts ", aber es brauche seine Anwesenheit; er komme gleich rüber. Bis wir auch abgelegt haben ist er schon dort und die Tore öffnen sich. Martin bittet uns wiederum als erste einzufahren, hinten in der Kammer ist es ruhiger und das Festhalten eines tropfenförmigen 12 Meter Schiffes ist da viel einfacher. Also passieren wir den Segler und machen in der Ecluse fest. Bekanntlich ist das in dieser Kammer mit hohem Hub bei Doppelbelegung ja alles andere als einfach, da es schlicht und einfach zu wenig Poller resp. Maueröffnungen mit Haken hat. Als wir uns eingerichtet haben und der Seglercrew, die eben den Bugspitz zwischen die Tore schiebt, helfen wollen, schliessen sich dieselben. Die steuernde Christa wird völlig überrascht, reagiert aber adäquat mit Vollbremsung und sofortiger Rückwärtsfahrt, wir brüllen laut "STOP" die Kammer hoch und der Eclusier reagiert (immerhin) mit sofortiger Wiederöffnung der Türen. Er zeigt sich völlig überrascht, dass heute Morgen doch tatsächlich dieselben zwei Schiffe weiterschleusen wollen, die er schon gestern Mittag bediente … Wir schauen uns nur an; am Arbeits-Stress kann es eigentlich nicht liegen.

Die weitere Fahrt bleibt ohne grössere Ereignisse, Pannen oder Schäden. So ab 14 Uhr hoffen wir, dass noch ein Platz in Rochefort-sur-Nenon frei sein möge. Der Schatten der dortigen Bäume und die Bademöglichkeit im Fluss verlockt, spornt an. Die zwei Liegemöglichkeiten in Buchten davor sind schon von Hol- und Engländern belegt, so dass gar nichts anderes übrig bleibt, als weiterzufahren. Um 17 Uhr erreichen wir das auserkorene Etmal und haben Glück, unser Schiff findet hinter einer belgischen Wohnpéniche gerade noch Platz. "Meitli" wird gepäckelt. Bad, Apéro und Abendmahl schliessen sich an, dann machen wir noch einen gemeinsamen Spaziergang hoch zu den Felsen, die Übersicht von oberhalb des Dorfes, den Flusslauf hoch und hinab sind jedes Mal überwältigend. Die wenigen Dorfhighlights werden danach auch noch schnell konsumiert. Nach 21 Uhr wollen uns die Mücken fressen und Antibrumm, Antimückenöl und eine vor sich hin brennende "Antiinsektenschlange" kommen zum Einsatz. Leidlicher Erfolg, irgendwann geben wir uns geschlagen und überlassen das Feld den Blutsaugern.

Am Montag wecken uns einmal mehr kräftige Sonnenstrahlen; s'wird wieder ein heisser Tag und irgendwie ist Nullbock vorhanden um wieder hinter dem Steuer zu schwitzen. Wir beschliessen im Plenum, diesen Tag speziell zu würdigen; keinen Motor anzulassen, keine Schleusenstange zu betätigen, sondern einfach zu geniessen. Nach etwas tatenloser Lektüre erinnert sich der Schreiber, dass er doch schon immer mal die Inselwelt ennet dem nahen Wehr erkunden wollte und so erfolgt der Vorschlag an die Copilotin, die Velos zu entpacken, via Dorfbrücke auf die andere Flussseite zu fahren um das dortige DoubsDelta auf besondere Steine zu inspizieren. Wenn sie Steine hört, ist sie immer einverstanden. Gesagt getan; allein wir finden auf der anderen Seite keinen Weg, der bis ans Wasser führt, also parken wir die Stahlesel unterhalb der Brücke und schlagen uns zu Fuss durch Brennnessel und Brombeergestrüpp. Dann kämpfen wir uns durch die bis zu oberschenkeltiefen Fluten auf die verschiedenen Inselchen und waten durch Kies und Muschelansammlungen. Ariane ist es dabei allerdings nicht recht wohl, es fehlt ihr vernünftiges Schuhwerk um auf den vermoosten, glitschigen Steinen herumzuturnen. Der Ausflug lohnt sich dann aber doch, denn wir finden zu skurrilen Formen abgeschliffene Kalksteine, von denen wir im Garten noch keine haben, packen etwa 25 Stücke in unseren Rucksack und überlegen dann, wie wir wohl jetzt am besten wieder zurückkommen. Wieder durch die Dornen wollen wir nicht, also treten wir den Rückweg schwimmend an. Mit den Steinen am Rücken gar nicht so einfach; aber wir schaffen auch dies. Am Abend legen wir die Wurstvorräte aus beiden Schiffskühlschränken zusammen und bald geniessen wir feinen Salat, dazu echt schweizerische Servelats und Landjäger ab Grillglut. Zu reinen Studierzwecken haben wir in unseren Schiffskellern auch noch sogenannte "Singles" (allein stehende Flaschen) gefunden, bei denen es bekanntlich nichts nützt, sie beim degustieren und trinken "hervorragend" zu finden, weil, eben, eine zweite derselben Gattung ist nicht greifbar. Auf das Konto der Moskitos geht auch der heutige Platzsieg, wir beschliessen uns morgen bei den Viechern durch eine frühe Weiterfahrt zu rächen.

Am Dienstagmorgen 4.7. erreichen wir Dole. Platz hat es genug, obwohl rund ein Duzend Mietschüsseln (dies als nicht unbedingt überzeugendes Anzeichen für die von überall prognostizierte Konjunkturerholung interpretierend) ungebraucht in den Tauen hängt. Wir schaffen das auch bei wenig Strömung nicht ganz unheikle Manöver des hiesigen Anlegens. Stromkästen hat es inzwischen bis an den Schluss des langen Pontons. Wir nutzen diese Gelegenheit, wintern unsere Waschmaschine aus und geben ihr von der Bett bis zur Frottierwäsche allerhand zu tun. Im Laufe des Mittags messen wir im Schiff Temperaturen von bis zu 47.5 Grad. Zwei Stunden später sind unsere Matratzen und Duvets schon mit frisch gewaschener und getrockneter Lingerie überzogen. Der Bummel in die City gerät kurz, es ist so heiss, dass ich unterwegs gerne durch die Kaverne der "Lepreuses" gelaufen wäre, aber Fehlanzeige, die Gittertore bei den Zugängen stehen zwar offen, der unterirdische Gang ist aber teilweise mit bis zu kniehoch stehendem Wasser überflutet. Eine neue Touristenattraktion?

Als es etwas kühler wird raffen wir uns nochmals auf und wollen das Geant/Casino Einkaufszentrum auf der anderen Flussseite aufsuchen. Tatsächlich finden wir dort taugliche, speziell auch farblich gut passende neue Rotweingläser, für die Bordbar neuen Rivesaltes und, endlich, auch den gesuchten Weichkäse "Ecorses de Sapin". Da nach der Rückkehr das Pizza-Schiff seine Läden noch immer nicht geöffnet hat und es auch um 20 Uhr noch immer nicht so ausschaut, als könnte sich dies heute noch ändern, wollen wir zu viert der Pizzeria vis-à-vis dem Bec Fin einen Besuch abstatten. Gerne wären wir dazu auf den grossen Balkon oberhalb des Färberkanals gesessen, aber nicht nur wir …. Reservation wäre das Zauberwort gewesen …. Also schwitzen wir halt drin vor uns hin, den Pizzas im Holzofen geht's ja auch nicht besser. Nach dem Essen gehen wir nochmals zur Kirche hoch, wollen ein Dessert unter frischem Himmel geniessen; nochmals Fehlanzeige, um 22 Uhr ist praktisch alles tot; kaum ein Gartenrestaurant hat noch geöffnet, die Strassen sind fast alle still und leer. Zurück auf dem Schiff stürze ich mich nochmals in die dunklen Fluten, aber auch das bringt nicht mehr viel, es existiert kaum noch eine merkliche Temperaturdifferenz zwischen Luft und Wasser. Bis morgens um drei Uhr bleibt es schwül, dann zucken die ersten Blitze und man hört noch ganz entferntes Donnergrollen. Ein Wind kommt auf, bläst angenehm kühle Luft durch die im ganzen Schiff offen stehenden Fenster, Türen und Luken. Die Blitze häufen sich, der Donner folgt schneller; aha, endlich Abkühlung in Sicht! Aber Halt; ein Gewitter droht und alles steht offen? = Alarmsignal! Der Schreiber erwacht völlig und steht (er hat es ja schliesslich auch gehört) auf, schliesst alle 14 grossen und kleinen Fenster, das Deckenluk der vorderen Kabine, verzurrt die Cabrioseitenteile und ist dabei nicht allein, auf einigen Schiffen neben uns sieht und hört man ähnliche Hektik, und es soll sich lohnen, keine 5 Minuten später legt es los, ein Gewitterzug verharrt längere Zeit direkt über der Stadt. Es kühlt merklich ab und es bleiben einige Stunden schöner Schlaf.

Schon am Mittwochfrüh ist jedoch wieder alles wie gehabt, blauer Himmel und die Hitze lässt auch nicht lange auf sich warten. Wir legen um 8:40 Uhr ab und fahren zur Schleuse No. 67. Sicher nicht zu spät, denn zwei gestern eingetroffene am gegenüberliegenden schiefen Ufer längs angelegte Hotel-Pénichen mit englischen Flaggen haben um halb neun ihre Motoren gestartet (nein, nicht die Generatoren, diese liefen schon die ganze Nacht hindurch) und werden wohl bis tief in den Mittag hinein das Kanalstück  bis nach St. Jean-de-Losnes "verstopfen". Und wir haben Glück, dass die Schleuse schon um 10 vor unsere Funksignale annimmt und wir die Kammer belegen können, denn ich bin ziemlich sicher, hätten wir davor bis 9 Uhr warten müssen, hätten sich, mit oder ohne umstrittene Priorité, die Dickschiffe dazwischengedrängt. So kommen wir gut voran; nach rund 3 ½ Stunden erreichen wir No. 75 und münden nach deren Passage (deren Schleuser offenbar auf keine Mittagszeit pocht) in die Saône. Um viertel vor Eins belegt Martin am Bunkerschiff in St. Jean-de-Losnes und möchte Euro gegen Diesel tauschen. Umsonst, das Bunkerschiff hat Mittagszeit bis zwei, also fahren wir weiter, nach Plan soll es auch in Verdun eine Möglichkeit geben.

Die Schleuse in Seurre wird angefunkt und wir werden von dieser orientiert, dass zwei Pénichen hinter uns führen und wir zuerst, also vor diesen, einfahren sollen. Diese Novität erstaunt uns so sehr, dass ich den edlen Mann im Turm nochmals anfunke; wir sollen tatsächlich zuerst rein? Er bestätigt und wiederholt auch, dass ohne Schwimmwesten keine Schleusung erfolge! Da ich unsere sperrigen Dinger weder aus der Versenkung unter dem Salonsitzbank befreien noch so ein Teil montieren möchte, frage ich via Funk bei "Meitli" nach deren Bestand und es lohnt sich; wir erhalten zwei leichte "LifeBelts" ausgeliehen. Wir laufen in die grosse Kammer ein und belegen ganz vorn, kurze Zeit später hören wir am Funk, wie der Eclusier mit mindestens einem der Pénichenführer streitet, diesem passt es offenbar nicht, mit uns "Freizeitlern" zusammen geschleust zu werden. Der Mann an den Hebeln hat aber die ganze Macht und so werden wir bald darauf zu viert abgesenkt. Der Pénichenführer und sein Begleitpersonal tragen, notabene, keine Schwimmwesten …. Der Himmel über uns bewölkt sich, die Wolken nehmen überhand, auch solche mit deutlich feindlichen Absichten.

Nach dem "Viaduc de Chivres" ist es über uns nur noch stahlgrau, Blitze zucken, ein starker Wind kommt auf, dann fängt es an zu regnen, danach zu giessen, der Wind schlägt um in Sturm, Böen peitschen über den Fluss. Auf dem Wasser bilden sich Schaumkämme, die Wellen brechen sich und schliesslich werden wir von einem Hagelzug gestreift. Die Sichtweite nimmt ab auf vielleicht noch 100 Meter und Ariane schaltet die Navigationsbeleuchtung ein. Wir gehen vom Gas, das Schiff neigt sich in den Böen in Windrichtung zur Seite, das Cabrioverdeck und das Bimini zerren wie wild an den Stangen, unser Respekt von dem Konstrukteur nimmt von Minute zu Minute zu, dass der Stoff das aushält! Wir sehen nach hinten, zum befreundeten Seglerteam; Martin sitzt im strömenden Regen im nach oben ungeschützten Cockpit hinter dem Steuer, erzählt uns später, dass er den Regen und die Hagelkörner "hautnah" miterlebte; ein richtig schmerzhaftes Erlebnis verbuchen musste. Als erfahrener Segler schätzte er die Windgeschwindigkeit in den Böen auf 7 – 8 Beaufort.

Nach 10 Minuten ist der Spuk, wie wir ihn auf einem Fluss noch nie erlebten, vorbei, die Sicht wird besser und wir erreichen die Schleuse Ecuelles 6. Ich funke die mit offenen Toren auf Rot / Grün stehende Schleuse an und bete um Einfahrerlaubnis. Keine Antwort. Ich wiederhole nach ein paar Minuten meine Anfrage ein zweites, dann ein drittes Mal. Keine Antwort. Überlege eine Einfahrt. Als ich kurz vor den Toren ankomme, schaltet „jemand“ die Ampel auf Rot. Ich funke zum 4. Mal, erwähne das auch, und frage nach technischen Problemen. Plötzlich eine Stimme aus dem All: …. Es kämen noch zwei Pénichen hinter uns, wir sollten deren Einfahrt abwarten und uns dann dahinter einfädeln. Und; "ähh, les Gilets de Sauvetage sont obligatoires!" Ah, ja, einmal vorn, einmal hinten und Sicherheitsbestimmungen, die nur für Ausländer und / oder  Freizeitschiffer gelten? Aber eben, wie gehabt, der Mann hinter den Hebeln hat immer recht, wer (für einmal) runterkommen will, muss gehorchen. Die Absenkung verläuft problemlos und wir erreichen am Abend Verdun-sur-le-Doubs. Der Hafenwart empfängt uns am tief schwimmenden Steg, erzählt etwas von Wassermangel. Wir fragen ihn aber nicht nach H2o sondern nach Gazoil. Offenbar mangelt es aber auch daran, er räuspert sich; ja er wisse, dass in den älteren Karten diese Möglichkeit noch eingezeichnet sei, vielleicht könne aber schon nächstes Jahr wieder am Steg gebunkert werden … Ein Städtchenbummel ist in 15 Minuten erledigt; alles gesehen.

Den ATAC, wo gemäss Hafenwart Diesel bidonweise geholt werden könnte, orten wir dabei allerdings nicht, obwohl er nur 800 Meter vom Hafen entfernt liegen soll. Überhaupt erschöpft sich unseres Erachtens das Sehenswerte in der Häusergruppe rechts von der Brücke, besonders beeindruckend ist zudem die Markierung der Höchstwasserstände; im Jahre 1955 soll der Rekordpegel etwa 8 Meter über dem heutigen gelegen haben!  Offenbar hat Frankreich gestern Abend das WM-Viertelfinal gewonnen, denn einige Irre brausten darauf stetig hupend durch die wenigen Strassen des Städtchens. Als sich aber auch das gab, folgte eine ruhige Nacht und wir legen am Donnerstag, 2 Wochen nach unserem Ferienstart, erstmals bei leicht feuchter Witterung und nassem Deck ab. In knapp 3 Stunden erreichen wir Châlon sur Saône und erhalten freundlicherweise für  "max. genau 2 Stunden" einen Besucherplatz um die City in Augenschein zu nehmen. Diese Zeit reicht, v.a. wenn die Geschäfte der Haupteinkaufsmeile noch geschlossen sind. Das ist der erste Landgang wo wir, mutig ohne Schirm unterwegs, eingenässt werden. Wir legen, um den Hafenkapitän (nicht Hafenwart!) nicht zu ärgern, pünktlich nach 119 Minuten ab und fahren weiter südlich.

Kurz vor der Ecluse Ormes 4 werden wir von einem deutschen Hotelschiff "A Rosa Stella", einem sicher über 140 Meter langen und mehr als 10 Meter breiten weissen Ungetüm überholt. Und weil wir uns trauen, die Schleuse rechtzeitig anzufunken, und zu fragen, ob wir auch mitdürfen, sagt man uns zu. Offenbar aber nur uns, denn eine gleichzeitig eintreffende deutsche Jacht stoppt plötzlich vor den noch offenen Toren ab, dreht bei und wartet draussen(?) Hinter dem Koloss fehlt dem Chef d'Ecluse offenbar die Übersicht, denn wir werden hier nicht aufgefordert, die Gilets de Sauvetage; die wir natürlich den Seglern zurückgaben, zu montieren. Nach der Schleusung fahren wir aus, stoppen und werfen uns wieder mal die warmen Flussfluten. Eine halbe Stunde später treffen wir in Tournus ein und teilen (dies für den Segler eher weniger freiwillig) den letzten freien Platz mit einer dänischen Seglercrew. 10 Minuten nachdem wir, an den viel zu weit auseinander liegenden Ringen festgemacht haben entleert sich ein Wolkenbruch über uns. Wieder mal Glück gehabt.

Am Freitag, 7. Juli entern wir das hübsche Städtchen, welches mindestens im Zentrum praktisch nur über Einbahnstrassen verfügt. Im Gegensatz zu Zürich hat dies hier durch seine Enge allerdings seine volle Berechtigung. Wir staunen über die Geduld mit der  gewartet wird, wenn der vordere Fahrer, mangels Parkplätzen, seinen Wagen einfach kurz mitten auf der Strasse stehen lässt, um dies oder jenes zu holen. Eine Durchquerung in Eile ist nicht geraten. Als sich die Sonne hinter den Wolken wieder zeigt, legen wir ab und treffen am frühen Mittag im Sportboothafen von Macon ein. Ich war vor 8 Jahren schon einmal da und ärgerte mich über den steten Seitenwind, bei dem ich rückwärts zwischen zwei Bojen, dann zwischen zwei Booten durch an den Ponton fahren musste. Es war damals und ist heute, bei böigem Wind nicht einfacher, nur dass heute das Boot noch etwas länger und breiter und der einzig noch freie Platz in der ganzen Reihe noch etwas enger ist. Es gelingt immerhin auf Anhieb eine unserer Leinen durch diejenige kurze, die an der Boje befestigt ist, zu schieben und grosszügig provisorisch am Bug zu belegen um sich dann voll Ungeduld der Rückwärtsfahrt zu widmen. Nur, als das Ufer um die letzten zwei Meter einfach nicht erreicht werden kann, wird ein Situationscheck notwenig. Aha, es handelt sich diesmal nicht um zu wenig Wassertiefe und auflaufen auf Sand und auch nicht um eine tückische Gegenströmung, sondern ganz simpel und gemein, die vordere Leine war zu kurz gewählt, so, dass gegen den Widerstand der Boje das Land einfach nie hätte erreicht werden können.


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