Von Iberien nach Kanarien
16.10.2006 15:53:46 (View count: 2018)
Marina Rubicon, 16. Oktober 2006
5 Tage und Nächte auf dem Wasser, nichts als Wasser, Wellen, Wind, das Schiff. Was macht man da, was treibt man so?
Lossegeln:
Leinen los am Hafenplatz in Mazagon, Auftanken des Dieseltanks und der Kanister (falls nötig – weise Segler machen das bei Ankunft). Loslegen an Tankstelle um 15h. Fahrt nach Sicht aus dem Hafen. Betonnung des Fahrwassers für die Ein- und Ausfahrt in den Hafen von Huelva. Motor dreht bei 2200 Umdrehungen. Autopilot einschalten. Leinen aufschiessen und verstauen. Fender von Reling wegnehmen, verstauen in der Backskiste oder an Heckkorb stellen und anbinden. Im Cockpit sitzen, Instrumente anschauen. Windstärke, Windrichtung, Geschwindigkeit durchs Wasser – funktioniert nicht, muss irgendetwas das Rädchen blockieren, normalerweise Bewuchs oder irgendein Kalkwurm. Hätten wir im Hafen noch prüfen sollen, wie das Rigg: alle Drähte, Kabel, Beschläge, haben uns auf den Mast gehievt – ganz schön hoch 16 Meter über Wasser.
Dann Segel setzen, Kurs hart am Wind Richtung SSW, Wind aus WNW. Meitli „liegt auf dem Ohr“. Keine gemütliche Lage, aber wir kommen gut vorwärts. Der Wind wird bald auf Nord drehen. Windfahnensteuerung einrasten und einstellen. Ruder blockieren, Windfahne steuert von selber. Nach zwei Stunden geht Log plötzlich wieder. Schauen positiv der ersten Nacht entgegen. Es sollen deren fünf werden. Um 18h vorbereitete Sandwiches und Kartoffelsalat, dann ein Kaffee und ein heisser Tee. Thermosflasche mit heissem Wasser im Hafen vorbereitet.In der Nacht:
Bis anhin waren wir maximal eine Nacht auf See. Da ist Nachtwache weniger ein Thema, man kann ja am nächsten Tag Schlaf nachholen. Doch bei längeren Schlägen braucht man einen Rhythmus um nicht zu erschöpfen. Wir machen 3 Stunden Wachen. 20h – 00h, 00h – 03h, 03h – 06h, 06h – 09h. Martin übernimmt die erste und die dritte, Christa die von Mitternacht und die letzte mit dem Sonneaufgang. Wir sind schon so weit westlich, dass die Sonne erst um 08:30h aufgeht. Auf den Kanarischen Inseln werden wir dann die Uhr eine Stunde zurückstellen müssen. Derjenige mit Freiwache legt sich im Salon schlafen. Da ist man näher beim Niedergang wenn etwas ist. Der Bank wird zur Bettstatt. Mit Bettdecke und Kissen (RICHTIG schlafen wie zuhause), das ist wichtig. Der Sonneuntergang gehört dem ersten Wachhabenden, es bleibt noch eine Weile hell, bis die ersten Sterne sichtbar werden. Der Mond eine ganz schmale Sichel (vorgestern war Neumond), tief am Himmel, er bleibt nur für 1-2 Stunden sichtbar, dann geht er unter. Doch in den nächsten Nächten wird seine Präsenz am Nachthimmel immer länger dauern, bis ihn Christa auf der zweiten Wache auch zu sehen bekommt.
Schnell wird es kalt, am besten Ölzeugs anziehen, eine Faserpelzjacke und wie immer in der Nacht die Schwimmweste und den Lifebelt. Man sitzt angegurtet im Cockpit, und keiner geht aus dem Cockpit, solange der andere schläft. Ein Albtraum, wenn jemand über Bord gehen würde. Der grosse Wagen steht tief am westlichen Himmel und wird langsam versinken, doch während der dritten Wache wird er wieder aufgehen, er dreht sich um den Polarstern. Orion wird erst gegen morgen auftauchen – gegenüber im Osten. Man beobachtet die Sterne, den Himmel, schaut aufs schwarze Wasser. Auf der Höhe von Gibraltar herrscht reger Schiffsverkehr, man muss acht geben und hat keine Mühe wach zu bleiben. Doch weiter südlich 100 Seemeilen vor der Marrokanischen Küste wird es schwieriger. Gar kein Licht oder Schiff während 2 Tagen, man nickt vielleicht mal ein, Sekunden oder Minuten, schwierig zu sagen. Doch die Windfahne oder der Autopilot steuern zuverlässig. Ab und zu den Kompass oder das GPS überprüfen, auf die Karte schauen. Kein normales Licht anmachen, nur das rote Nachtlicht, das einem nicht blendet.
Wachablösung:
Den Schlafenden wecken. Vielleicht nach nur 1 Stunde Schlaf oder nach 2 oder wenn das Einschlafen gut ging sogar nach 3. Einschlafen kann schwierig sein. Geräusche: Gurgeln des Wassers, Schlagen der Segel oder vibrieren der mitlaufenden Motorwelle. Irgendeine Büchse Pelati im Kästchen, die bei jeder Rollbewegung gegen die Wand klöpft, oder das Zitronenpfeffer Gläsli im Gewürzgestell. Waschlappen dazwischen und Ruhe herrscht.
Doch einmal geweckt, die Augen gerieben, den Magen in die rechte Position gerückt, Blut im Körper (das Schiff rollt!). Erstmal pinkeln gehen. Ölklamotten anziehen, Position anschauen, den anderen ins Bett schicken. Sich einen Kaffe machen, oder eine Suppe.
Am Tag:
Wunderbar geschlafen, könnte weiterliegen, aber Christa ist auch müde, hat die letzte Stunde gekämpft. Luge aus der Niedergangsöffnung in die aufgehende Sonne, sie wärmt schon, das Deck ist feucht von der Nacht. Der Wind hat etwas abgeflaut, von Nordwesten kommt 3 Meter Schwell, muss wohl ein Sturm im Nordatlantik gehabt haben. Aber die Dünung ist lang und flach, kein Problem für Meitli. Gehe in die Küche. Kein Heisswasser mehr in der Thermoskanne. Gas aufdrehen auf dem Laufdeck. Wasserkocher aufsetzen. Frischbackbrot, vakuumverpackt aufbacken. Riecht super. Im Tuperware Erdbeerkonfi, Butter und Tassen mit Kafi und Tee, mit Milch. Oder mal Rührei mit Speck. Frühstücken im Cockpit. Man gewöhnt sich ans Schaukeln. Nehmen dann das Reff aus der Genua. Dann den Gummi Kalamar Köder an die Schleppangel, vielleicht gibt’s Fisch zum Znacht… Christa legt sich schlafen. Ich mache Abwasch. Lese Biografie von Albert Einstein. Eines Tages ein naher Tanker, leer (das sieht man, wenn das ganze Ungetüm aus dem Wasser ragt), er spült die Tanks, Wasser läuft über seine Bordwände. Ab und zu Sturmvögel – graubraune, grosse – die sauschnell dicht übers Wasser segeln. Dann wieder neugierige Seeschwalben – kleine, herzige die unser Schiff umkreisen und gwundrig unser Meitli beobachten. Eines Tages beim Segelwechsel besucht uns ein Rudel Delfine. Ein Junges schwimmt ganz nah bei der Mutter – ein freudiges Erlebnis, wenn man Gesellschaft kriegt.
Zum Zmittag Spaghetti Carbonara oder kalte Platte mit Käse, Paté oder Tomaten-Mozarella Salat. Oder mal Couscous mit frischer Minze aus unserem Bord-Kräutergarten (hält sich seit Basel!). Am Nachmittag Lesen, Wetter SMS per Satelliten Telefon erhalten, Etmal ausrechnen, den Motor für zwei Stunden starten (wenn Flaute) um Batterien zu laden. Schlafen, Dösen. Abwaschen oder Duschen. Bootrundgang, Deck, Bilgen, Motor.
Bald ist wieder Abend. Znacht kochen, Heiss Wasser machen für die Nacht. Miteinander reden, einen Jass klopfen. Landfall:
Nach knapp 5 Tagen (oder ca 120 Stunden) erreichen wir am einem Morgen Lanzarote. Ungläubig schauen wir aufs Land. Nach 5 Tagen nur Meer, wunderbares Gefühl, so muss sich Kolumbus gefühlt haben. Nachdem wir in Puerto Calero festgemacht haben, erstmal wieder Fuss auf Festland, kommt Müdigkeit, ein wenig erschöpft sind wir schon. Gehen Duschen, Das Schiff haben wir wohlweislich vor dem Landfall aufgeräumt, den Abwasch gemacht. Dann tut es gut sich hinzulegen ohne Gedanken an irgendetwas.