Verwestlichtes Shanghai
01.12.2005 20:27:16 (View count: 2811)
In Reih und Glied sitzen wir im Dunkeln. Das Wasser prescht an den Bug des Zweimasters. Der Maat holt das Lotblei zum fuenften mal ein. "Noch drei Knoten unter Kiel"schreit er zum Kapitaen. Dieser sieht vor sich aus dem Nebel eine Felswand auftauchen. "Voller Schub" schreit er Richtung Maschinist und reisst das Steuer nach Backboard. Die Wellen schlagen den Kahn im letzten Moment an den Felsen. Ratsch, die Sitznachbarin reisst eine frische Tuete Popcorn auf. Wir sitzen im Film KingKong in der 11. Etage des Palace Kinos des gleichnamigen Shopping Centers. Unzaehlige solcher gigantischer Malls ragen hier in die Hoehe. Das ganze Gebiet der Nanjing Road zwischen Bund und Peoples Square ist dazu bestimmt, die unbefriedigten Einkaufswuensche von Einheimischen wie Touristen zu erfuellen.
Drei Strassen daneben unser zweckmaessiges Hiker Youth Hostel , welches Dank der guten Lage und der Erwaehnung im Lonely Planet seine Renovationsarbeiten in den Hintergrund stellt. Irgendwie verstaendlich, doch wenigstens sollte das Bad nicht nach jeder Dusche unter Zunami Zustand leiden und der Schimmelpilz ansatzweise bekaempft werden. Das Drumherum mit gratis Internet und Restaurant sei hier im Guten erwaehnt.
Wir lassen uns von der grossen Kaufstimmung anstecken und wueten, da es meist regnete, zwei Tage lang in den Boutiquen was das Zeug haelt. Resultat: ein Paket schwimmt zur Zeit Richtung Switzerland. Diese Ware haetten wir unmoeglich in den Rucksaecken untergebracht.
Der Vollstaendigkeit halber haben wir natuerlich noch etwas Sightseeing gemacht. Am ersten Tag, als es noch schoen war, sind wir ausgehend am Fluss dem Bund spazieren gegangen. Danach kam der Regen.
Bennys Quaengeleien nachgegeben haben wir die 350 Hoehenmeter des Fernsehturms per Lift bezwungen, um die Suppe unter uns fotografieren zu koennen. Beeindruckend dagegen war das zugehoerige Shanghai Museum, welches den Wandel der Stadt praechtig illustrierte. Nebenan kann man im Aquarium Haie streicheln und beim laengsten Unterwassertunnel diverse Grossfische bewundern.
Ein Tagesausflug nach Suzhou brachte uns ins chinesische Venedig. Kleine farbenfrohe Gaesschen und Kanaele, Fleisch- und Gemuesehaendler, Coiffeurlaeden, TV-,Velo- und Mopedwerkstaetten und Zahnaerzte, bei deren Arbeit man durchs Schaufenster zuschauen kann, zeigen das wahre China.
Nach dieser Entdeckungsreise ruhten wir unsere Fuesse im Garten des Friedens aus. Er besticht durch seine einzigartige Bonsaisammlung.
Fazit:
Shanghai ist sicher sehenswert, darf aber nicht als typisch chinesische Stadt angesehen werden. Die Verwestlichung hat hier schon so einiges kaputt gemacht. Keine Ritschkafahrer, gestresste Buerger und das Strassenleben ist nicht so ausgepraegt.