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ALLEIN IN AFRIKA 16.07.2003 (View count: 5304) 17 Tage in Ghana/Togo/Benin Ein Reisetagebuch von Uwe Decker im März 2003 Samstag, 08.03. Frankfurt - Accra Im Bordkino treibt gerade Harry Potter sein Unwesen. Ganz unterhaltsam, der bessere Film aber läuft neben mir ab, bzw. unter mir: der größte Sandkasten der Welt, die Sahara. Vorgestern stürzte hier bei Tamanrasset ein Flugzeug ab, über 100 Tote. Von oben betrachtet erkennt man, dass die Wüste durchaus nicht nur aus Sand besteht, auch viele Erhebungen wie das Hoggar-Gebirge sind zu erkennen. Dann ändert sich die Landschaft, es wird allmählich grüner, bis endlich Lagos auftaucht, die Megastadt mit dem katastrophalen Ruf. Die meisten Passagiere steigen hier aus. Ich bleibe sitzen, noch 50 Flugminuten bis Accra, der Hauptstadt Ghanas. Zeit, noch einmal kurz nachzudenken über den bevorstehenden Urlaub. 17 Tage habe ich, für mich fast schon ein Langzeiturlaub, für Afrika lächerlich kurz, wo man doch vor allem zwei Dinge braucht, nämlich Zeit und Geduld. Nach einer Woche in Accra und 10 Tagen Burkina Faso nun zum dritten und wohl letzten Mal Westafrika. Eine feste Reiseroute habe ich nicht. Von Accra die Küste lang nach Osten, durch Togo nach Benin, meinem eigentlichen Ziel, bis Cotonou, dann auch ins Landesinnere. Mal sehen, was geht. (tatsächliche Reiseroute siehe Bild 0) Mir ist klar, dass ich ohne eigenes Gefährt nicht nur auf die bestehenden öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen bin, sondern dass mein Urlaub auch mit den Leuten steht und fällt, die man zwangsläufig auf solch einer Reise kennenlernt. Denn eines ist klar: zweieinhalb Wochen ganz alleine sein kann und will ich nicht. Im Chaos des afrikanischen Alltags wäre man als Tourist allein auch rettungslos verloren, dann könnte eine solche Reise ganz schnell zum reinsten Horrortrip ausarten. Der Flieger landet pünktlich in Accra, die Einreiseformalitäten sind schnell erledigt. Kaum eine Stunde nach der Landung bin ich schon im selben Hotel wie vor zwei Jahren, das Paloma, Hotel und Shopping Arcade zugleich. Lange bleibe ich nicht auf dem Zimmer. Schnell die Sachen aus der Reisetasche, kurz geduscht und dann raus, ins pulsierende Leben. Zu Fuß zum Nkrumah Circle, wo auch am Samstag Abend noch jede Menge los ist, Verkaufsbuden, Essstände am Straßenrand und Massen von Menschen. Jeder hat irgend etwas zu verkaufen. Dann zum White Bell, ein Restaurant mit Musik und etwas langsamer Bedienung. Spaghetti und ein großes Star bestellt. Und die Gelegenheit und Notwendigkeit, mich mit dem heimischen Geld und den Preisen wieder vertraut zu machen. Der zweite Punkt bietet Grund zu heller Freude, ein gutes Essen gibt es hier schon für umgerechnet zwei Euro, die 0,6-Liter Flasche Bier kostet überall weniger als einen Euro, eine Cola 30 bis 50 Cent. Der Umrechnungskurs beträgt derzeit 9.200 Cedis für 1 Euro. Beim Geldwechsel bekommt man i.d.R. eine Plastiktüte dazu, in der man sein Geld verstauen kann. Ich habe zwar gelesen, dass die Nationalbank mittlerweile auch größere Noten ausgegeben hat, mir ist aber schleierhaft, wer die hortet, denn ich bekomme während der ganzen Zeit in Ghana keine einzige davon zu Gesicht. So bleibt es bei den 1000-, 2000- und 5000 Cedi-Scheinen, d.h., die größte Banknote hat gerade einmal einen Wert von gut 50 Cent. Der Überfall geschieht plötzlich, in einer dunklen Gasse. Der Typ, klein und untersetzt, greift mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche, ich merke das, drehe mich um und schreie ihn an, was er denn da tue, wehre mich aber kaum. Ich habe vor allem Angst, dass er vielleicht ein Messer oder eine andere Waffe zückt. Die 20 Dollar Inhalt gebe ich verloren. Als die Umstehenden bemerken, was geschah, ist er schon längst weggerannt. Sie nehmen zwar die Verfolgung auf, ich renne auch, eher halbherzig, hinterher, es ist aber zwecklos. Ist mir auch recht, ich mache mich schnell aus dem Staub. Ich habe kein Interesse, für eine derartige Geschichte evtl. die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen, das gäbe nur Scherereien. Dass ich in Ghana während meines Urlaubs noch mehr mit der Polizei zu tun haben werde als mir lieb ist, ahne ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht. Es ist das erste Mal überhaupt während meiner zahlreichen bisherigen Reisen, dass mir so etwas passiert. Eigentlich keine schlechte Quote. Ich nehme es aber als Warnung, dass ich nicht doch zu sorglos zu jeder Tages- und Nachtzeit durch irgendwelche dunklen Gassen schlendern sollte. Die bisherigen guten Erfahrungen gerade in Westafrika haben mich vielleicht zu leichtsinnig werden lassen. Mit diesem Erlebnis den ersten Ferientag zu beenden, sehe ich nicht ein. Deshalb setze ich mich noch in ein Straßenrestaurant und trinke das ein oder andere Bier mehr als eigentlich geplant. Ist ja, wie gesagt, billig und schmeckt auch gut. Sonntag, 09.03. Accra Accra ist ein wunderbarer Ort, um einen Westafrika-Urlaub zu beginnen. Es ist eine afrikanische Stadt, wenig Hochhäuser, mit den typischen Märkten, chaotisch und laut, aber mit zahlreichen Refugien wie Luxus-Hotels, guten Restaurants, Fast Food Ketten oder supermodernen Internet-Cafes, in die sich der weiße Tourist aus Europa retten kann, wenn er zeitweise genug von Afrika haben sollte. Ich beginne meinen Tag mit etwas Luxus, ein gutes Frühstück draußen im Hof vorm Hotel. Es sollte mein einziges Frühstück während des gesamten Urlaubs bleiben. Als sich die Hitze des Tages langsam ausbreitet, flüchte ich mich erst einmal in ein Internet-Cafe und berichte den Daheimgebliebenen über meine erfolgreiche Ankunft. Die Negativ-Erfahrungen des ersten Abends lasse ich allerdings weg. Den Sonntag Nachmittag verbringt man in Accra am Labadi Beach, dem Stadtstrand von Accra. Taxis zu bekommen ist nie ein Problem, als Tourist einen angemessenen Preis zu bezahlen schon eher, wenn man das Preisgefüge noch nicht kennt. Mein Taxifahrer gibt sich auf der Fahrt zum Strand als verwandtschaftsliebender Mensch zu erkennen und fragt, ob wir nicht auch seine Zwillingsschwester mitnehmen könnten. Die will da heute Nachmittag auch hin und ihre Wohnung liegt auf dem Weg. Becky, die Schwester, ist der überraschende Besuch zwar willkommen, sie ist aber noch längst nicht fertig für den Strand. Um die Wartezeit zu verkürzen versorgt sie mich mit einigen Fotoalben. Zu meiner großen Überraschung posiert sie auf einem Foto auch vor der Bank, in der ich arbeite. Sie hat einen Freund in Deutschland und war Weihnachten in Frankfurt und Mainz. Mein Besuch spricht sich herum in der Gegend. Julie, die Nachbarin und beste Freundin, kommt vorbei und zeigt mir auch ihre Wohnung, fast identisch mit der von Becky. Gleich neben dem Eingang ein kleiner Raum mit Dusche, eine blitzsaubere Küchenzeile mit Herd und Kühlschrank, dann das Wohnzimmer. Die Geschmacklosigkeit der Einrichtung verschlägt mir fast die Sprache. An der Wand gleich neben der kaputten Kuckucksuhr ein Poster mit religiösen Parolen. Ein hässliches Sofa mit Häkeldecken wie aus Großmutters Zeiten, daneben zwei weiße Plastikstühle und eine Art Campingtisch. Aber auch Fernseher und Videorecorder sowie eine kleine Stereoanlage. Auf welche Art sie diesen bescheidenen Reichtum finanziert haben, frage ich lieber nicht. Im Schlafzimmer findet sich u.a. ein wildes Durcheinander von allen möglichen Kosmetikartikeln sowie ein Regal mit etwas 20 Paar Schuhen. Beide klagen über die hohen Mieten, ca. 50 Euro müssen sie pro Monat bezahlen. Auch Julie möchte mit zum Strand, auch Julie ist aber noch nicht fertig, sie muss sogar erst noch duschen. Dieses Mal gibts zur Verkürzung der Wartezeit neben dem obligatorischen Fotoalbum auch noch eine Fanta, dazu die Bekanntschaft von Cindy, einer weiteren Bekannten, die zu Besuch vorbeischaut und natürlich auch nichts dagegen hat, mit zum Labadi Beach zu kommen. Damit wäre das Taxi dann aber voll. Leider steht nach dem Duschen noch die Kleiderfrage für den Strand an und die dazu passende Kosmetik, so dass sich unsere Abfahrt weiter verzögert. Auch ich werde in die Diskussion mit eingeschaltet, habe aber leider kein Vetorecht. Becky und Julie sind schon zwei heiße Feger, es stellt sich heraus, dass sie am Strand jeden kennen und mit allen möglichen Leuten quatschen. So bin ich mit Cindy, die eher wohltuend normal aussieht und gekleidet ist, schnell allein. Wir gehen im feinen Sand spazieren und setzen uns dann auf die Dachterrasse eines Strandrestaurants. Hier kann man bei Musik und einem kalten Fruchtsaft herrlich dem bunten Treiben am Strand zuschauen (Bild 1). Dass wir erst später als geplant hier eingetroffen sind, macht mir nichts. Zum einen fand ich es sehr interessant, zu sehen, wie die Leute hier wohnen, zum anderen ist das Wetter auch eher schlecht, es hat sich ziemlich abgekühlt und regnet sogar ein bisschen. Trotzdem geht am späten Nachmittag dann noch eine wilde Tanzparty mit DJ los (Bild 2). Abend gehe ich mit Cindy ins Afrikiko, einem schön gelegenen und besonders unter Weißen beliebten Restaurant an der Liberation Road. Wir bestellen Tilapia und bekommen jeder einen Riesenfisch aufgetischt, zum Preis von ca. 3 Euro. Dazu gibt es Reis und verschieden scharfe Soßen. Es schmeckt köstlich. Das Essen wird nie ein Problem werden für mich im Urlaub. Für Ghanesen wie Cindy schon. Die sind nie richtig glücklich, wenn sie nicht ihr Kenkey, Banku oder Foufou bekommen, ein eher geschmacksneutraler, gummiartiger Kloß aus Kochbananen und Maniok, der in scharfe Soße getunkt wird. Ich finde überall Spaghetti, manchmal Pizza, Hähnchen mit Reis usw., keine kulinarischen Kostbarkeiten, aber gut essbar. Cindy ist ein Glücksfall, man kann sich sehr gut mit ihr unterhalten, sie spricht ein Englisch, dass ich gut verstehen kann. Die andere Aussprache hier, eine Art Pidgeon-Englisch, ist für mich ansonsten schon manchmal ein Problem. Eigentlich heißt sie Nateki, aber die Leute geben sich hier irgendwann englische Vornamen. Da Ausweisdokumente nicht unbedingt gebräuchlich sind in Ghana, ist das kein Problem. Cindy/Nateki ist 25 Jahre, unverheiratet, hat einen 4-jährigen Sohn, dessen Vater ist vor 2 Jahren an Krebs gestorben, und lebt mit ihrer Schwester zusammen in einem Haus. Ihren Frisiersalon hat sie, weil die Leute in ihrem Viertel nur unregelmäßig kamen, nun umgewandelt in ein Telecom-Center. Flexibel muss man halt sein. Zur Schule gegangen ist sie in Nigeria, sie spricht neben Englisch Ewe, Twi, Haussa, Yoruba usw., praktisch alle gängigen westafrikanischen Dialekte. Den weiteren Gesprächsverlauf des Abends ahne ich bereits voraus, nach zwei Reisen nach Westafrika habe ich anscheinend hellseherische Fähigkeiten entwickelt. Als ich von meinen Reiseplänen berichte, fragt sie, ob sie nicht mitkommen kann nach Lome, dort wohnt ihr Onkel, sie war schon mehrfach da, es ist eine schöne Stadt und sie könnte mir dort alles zeigen. Damit bin ich durchaus einverstanden, allerdings wird es nicht bei Lome bleiben, das ist mir schon klar. Afrikanerinnen sind in ihrer kurzfristigen Lebensgestaltung äußerst flexibel, ihr Geschäft schließt sie kurzerhand für ein paar Tage, das wirft anscheinend eh nicht viel ab und um ihren Sohn kann sich ihre Schwester kümmern. - Anscheinend bin ich auch ein Glücksfall für sie. Montag, 10.03. Accra - Lomé Vor meiner ersten Fahrt in ein anderes afrikanisches Land hatte ich vor der Reise etwas Bedenken. Ich dachte immer, ich würde sterben vor Aufregung, können doch Grenzübertritte in Afrika durchaus problematisch sein, und man ist der Willkür der Grenzbeamten hilflos ausgeliefert. Es ist heute morgen aber ganz anders. Das liegt wohl daran, dass ich nicht alleine fahre. Das gibt etwas Sicherheit. Es klappt alles wie am Schnürchen, wir sind um 7.30 Uhr am Busbahnhof, der staatliche STC-Bus nach Lome/Togo ist schon startklar, ich kann gerade noch zwei Tickets kaufen, für 22.000 Cedi, das sind gerade einmal 2,40 Euro und schon geht es los. Der Bus wartet noch nicht einmal, bis alle Plätze voll sind. Die Fahrt dauert 3 Stunden, die Straße ist in einem schlimmen Zustand, sie ist übersät mit tiefen Schlaglöchern. Dabei ist es doch die Hauptverbindungsstraße an der Küste zwischen den Landesgrenzen und vielbefahren. Für das westafrikanische Musterland Ghana eigentlich ein armseliges Zeugnis. Unterwegs zeigt mir Nateki ihren Geburtsort mit dem exotisch klingenden Namen Pram-Pram. Hier ist sie letztes Jahr Schönheitskönigin geworden, die Fotos davon will sie mir unbedingt in Accra zeigen. Tut sie später tatsächlich, sie sieht darauf umwerfend aus, allerdings auch die Zweit- und Drittplazierte. Der Bus fährt nur bis zum Grenzort Aflao, dann muss man zu Fuß über die Grenze. Das Chaos, das hier herrscht, hatte ich mir auch so vorgestellt. Deshalb ja meine Angst. Schon beim Aussteigen aus dem Bus stürzt sich alles auf den fremden Weißen und bietet alle möglichen Dienste an. Als sie merken, dass ich hier meine Privatführerin habe, geben die meisten aber auf. Wir müssen uns aber bald trennen, hier herrscht reger Grenzverkehr, die Schwarzen gehen in einem schmalen Korridor über die Grenze. Nateki hat keinen Pass. Das ist aber kein Problem, für jeweils ca. 50 Cent kann sie die beiden Grenzposten passieren. Unklar bleibt, ob das eine offizielle Gebühr oder eher Schmiergeld ist. Ich dagegen muss an beiden Grenzen Aus- bzw. Einreiseformalitäten erledigen, meine Visa sind aber einwandfrei, und es gibt keinerlei Probleme. Die Beamten sind freundlich. Allerdings ist der Beamte auf der togolesischen Seite etwas überfordert, meinen Namen u.a. in sein Formular zu übertragen. Gern hätte ich ihm etwas dabei geholfen, das lehnt er aber ab, und so dauert die Prozedur eine Ewigkeit. Wenn man bedenkt, dass es sich hier um einen eigentlich auch von vielen Nicht-Ghanesen und -Togolesen frequentierten Grenzübergang handelt, ist diese Umständlichkeit doch sehr überraschend. Nateki wartet hinter der Grenze und hat sich schon um eine Fahrmöglichkeit in die Innenstadt gekümmert. Sie liegt nur zwei Fahrminuten von der Grenze entfernt. Togo betrachte ich mit etwas gemischten Gefühlen. Das Land wird seit längerer Zeit von politischen Unruhen erschüttert, die Sicherheitslage soll angespannt sein, die allgemeine wirtschaftliche Lage katastrophal. Auch die Grenze zu Ghana ist sehr sensibel, bei jeder kleinsten Spannung zwischen beiden Ländern wird sie geschlossen. Wollen wir hoffen, dass zumindest in den nächsten zwei Wochen die Beziehungen ungetrübt sein werden, denn ich muss ja auch hier wieder zurück. Was auf dem Weg nach Lome Downtown auffällt, ist der wunderschöne und völlig leere Sandstrand zum Atlantik hin. Von Spaziergängen am Strand wird zu jeder Tages- und Nachtzeit abgeraten. Wir suchen eines der wenigen billigen und gleichzeitig zentrumsnahen Hotels auf. Mein Wunsch nach zwei Einzelzimmern ruft beim Rezeptionisten grenzenloses Erstaunen hervor. Demonstrativ schaut er meine Begleitung an. Es ist offensichtlich, was er denkt. Na, so hässlich sieht die doch gar nicht aus. Am frühen Nachmittag geht es dann in die Innenstadt. Die Wege sind nicht weit, das Zentrum ist klein und übersichtlich. Es gibt, mittlerweile schon recht verfallene, Kolonialbauten, die den Glanz vergangener Tage noch ahnen lassen. Mittendrin der Markt, eine Orgie von Farben, zu der ganz besonders die bunt gekleideten Marktfrauen beitragen, die eigentlichen Herrscherinnen dieser Gegend. Welche Macht sie haben, demonstrierten sie, als die Regierung ihren Markt eigentlich weiter entfernt vom Zentrum ansiedeln wollte. Das machten Mama Benz und Co. aber einfach nicht mit, sie blieben, wo sie immer waren und die Regierung musste klein beigeben. Besonders hier in den engen Gassen, die vollgestopft sind von Menschen, ist die Hitze entsetzlich. Meine Kleidung ist klitschnass und trotz der Wärme habe ich Schüttelfrost. Mein einziger Trost ist, dass ich nicht der Einzige bin, dem etwas warm ist. Auch viele Einheimische schwitzen ziemlich. Trotzdem ist die Atmosphäre einmalig hier, ich kann mich gar nicht satt sehen an dem bunten Treiben. Für den Abend haben wir einen Hotelangestellten mit Auto als Fahrer engagiert. Die Sicherheitslage ist diffus, und man sollte laut Reiseführer im Dunkeln als Weißer nicht mehr auf der Straße unterwegs sein. Der erste Kilometer scheint diese Einschätzung zu bestätigen. Es ist stockduster, keine Straßenlaterne brennt und am Straßenrand sind schemenhaft dunkle Gestalten zu erkennen. Das ändert sich aber schlagartig, sobald wir ins Zentrum kommen. Hier brodelt das Leben, ein Essstand, an dem leckere Fleischspieße, die sog. brochettes, auf Holzkohlegrills brutzeln, am nächsten und viele kleinere Lokale. Auch einige wenige Weiße sehe ich dort sitzen. Unser Fahrer merkt, dass uns das gefällt. Er hält an einem besonders großen Stand, Nateki holt für 5 Euro jede Menge Spieße, und wir fahren weiter ins Panini-Cafe in der Rue 13 Janvier, eine Bretterbude mit vorwiegend afrikanischer Disco-Musik, vor der auf dem Bürgersteig aber viele Tische und Stühle aufgebaut sind. Für uns wird gleich der beste Platz frei gemacht, wir breiten unser Essen auf dem Tisch auf und bestellen Bier bzw. Cola. Nateki trinkt keinen Alkohol. Sie sagt, nach einem halben Glas Bier wäre sie stockbesoffen. Das Fleisch, verschiedene Sorten, schmeckt herrlich, das Bier auch, FJS hat bei seinem Besuch in den 80er Jahren offensichtlich dafür gesorgt, dass es seitdem hier auch vernünftiges Bier gibt. Übrigens existiert seit dieser Zeit in Lome auch ein bayrisches Lokal mit Biergarten. Sehenswert auch das Publikum, das immer zahlreicher im Verlauf des Abends bzw. der Nacht eintrifft, vor allem das weibliche. Ganze Horden von schwarzen Schönheiten, die vor mir wie auf einem Laufsteg vorbei stolzieren oder auch nach der Musik tanzen. Erst dachte ich ja, die würden sich alle für die heutige Nacht in einem der Nightclubs bereit machen. Heute ist aber Montag, die meisten Etablissements haben zu, und die Damen bleiben auch die ganze Zeit hier. Die Stimmung wird immer ausgelassener, nach Mitternacht finden sich auch Akrobaten und Jongleure ein, die Straße wird kurzerhand zur Bühne und Tanzfläche umfunktioniert, und die vereinzelten Laster haben Mühe, sich den Weg durch die Menge zu bahnen. Schließlich handelt es sich hier um eine der Hauptverkehrsstraßen der Hauptstadt. Dienstag, 11.03. Lomé Heute ist Friseurtermin. Nicht für mich, für Nateki. Sie will sich Locken machen lassen, das ist hier viel billiger als in Accra. Ich komme erst einmal mit. Die Wahl der richtigen Haarteile und das Feilschen dauert bereits endlos, dann werden die Haare gewaschen und die eigentliche Prozedur beginnt (Bild 3). Nichts für mich, ich verabschiede mich Richtung Marche des Feticheurs. Der ist seit einiger Zeit aus der Innenstadt ausgelagert, in einen Vorort. Die Gegend sieht verwahrlost aus, huckelige Straßen, übersät mit Abfall, überall schrottreife Autos und Ersatzteile. Der Fetischmarkt ist recht überschaubar. Ich bin der einzige Besucher, ein Guide eilt gleich herbei und bietet mir seine Dienste an. Er erklärt alles, was es hier zu sehen gibt, ausführlich, ist sehr kundig, allerdings verstehe ich seine Ausführungen auf französisch nur zur Hälfte, kann mir auch nicht merken, für welche Zwecke und Krankheiten welche Substanzen und Tierteile nun gut sind. Erstaunlich ist auf jeden Fall, was hier alles für Dinge als Auslage zu sehen sind (Bild 5). Neben verschiedenen für Voodoo-Prozeduren benötigten Gegenständen und Substanzen sind es vor allem die Teile aller möglichen Tiere, die einen zugleich faszinieren und erschaudern lassen. Köpfe von Hunden, Katzen, Pferden, Krokodilen, Affen, Elefanten, Büffeln, ganze Vögel, Echsen, Chamäleons, Schlangen, Skorpione, Füße, Krallen, Haare, Penisse selbiger Tiere. Und vieles mehr. Alles dient bestimmten Zwecken und wird von der Bevölkerung bzw. Voodoo-Praktizierenden hier gekauft und für ihre Zeremonien verwendet (Bild 6 bis 10). Auch ein Voodoo-Priester hat sich hier niedergelassen und bietet dem neugierigen Touristen einen Einblick in verschiedene Praktiken. Natürlich werden auch bestimmte Fetische zum Kauf angeboten, der Preis ist nicht fix, sondern wird vom Priester persönlich durch den Wurf und den Fall von Steinen ermittelt. Wird mir jedenfalls erzählt. Ob das nun ein haarsträubender Touristennepp ist und der ahnungslose Touri dadurch vom Feilschen abgehalten werden soll oder tatsächlich zu den Dingen rund um den Voodoo-Kult gehören, deren Sinn sich dem ahnungslosen Fremden entzieht, vermag ich nicht zu beurteilen. Auf jeden Fall ist es ganz nett gemacht und man hat zu Hause Einiges zu erzählen. Gegen 12 Uhr schaue ich mal wieder nach Nateki. Eigentlich wollten wir uns später im Hotel verabreden, weil ich den Friseurstand sowieso nicht wiederfinden würde. Ich hatte mir aber den Weg gut eingeprägt und finde tatsächlich wieder zurück. Wer afrikanische Märkte in großen Städten wie Lome kennt, wird zugeben, dass ich darauf wirklich stolz sein kann. So ist auch das Erstaunen von Nateki und der Friseusen groß, als ich plötzlich wieder auftauche. Sie wird gerade von fünf jungen Frauen gleichzeitig bearbeitet und macht einen leidenden Eindruck. Um 13 Uhr soll ich wiederkommen, dann wäre sie fertig. Um 13 Uhr bin ich aber in einem gut gekühlten Restaurant am Rande des Marktes und esse Reis mit Gemüse, um 14 Uhr im Cafe gegenüber bei einer Cola, um 15 Uhr gehe ich ins Internetcafe. Ich lasse mich nicht mehr veralbern, bin ja schon seit fast vier Tagen wieder in Afrika und kenne die hiesigen Zeitangaben. Um 16 Uhr schaue ich mal wieder vorbei. Ich hatte es fast erwartet, sie ist noch nicht ganz fertig. Aber gleich, 5 Minuten, ich könne warten. Auf den Märkten findet man im übrigen in jeder Gasse, an jeder Ecke Frauen, die sich die Haare machen lassen, teils atemberaubende Frisuren tragen. Natekis Salon ist ein ca. vier mal drei Meter großer Raum direkt hinter einem mit ein paar Brettern abgetrennten Verkaufsstand, zum Schutz vor der Sonne mit Planen oben abgedeckt. Die Luft ist hier entsetzlich, der Schweiß läuft mir mehr wie in einer Sauna. Auch den Friseusen, die hier Schwerstarbeit leisten. Gleichzeitig lassen sich auf engstem Raum vier Frauen die Haare machen. Was ist das für ein Leben, hier sieben Tage die Woche von morgens bis abends zu arbeiten. Und für welchen Lohn? Nateki bezahlt für alles etwa 11 Euro, für insgesamt sechs Stunden mit teilweise gleichzeitiger Arbeit von fünf Friseusen. Was hätte so etwas in Deutschland gekostet ? Mir ist aber bewusst, dass es hier weit schlimmere Arbeiten gibt, unter teils menschenunwürdigen Umständen. Zwei Tage später werde ich z.B. auf der Bahnfahrt aus Cotonou an den entsetzlich stinkenden Gerbervierteln vorbeikommen, wo es von Menschen, die in dem Sud umherwaten, nur so wimmelt. Es sind solche Augenblicke und Anblicke auf derartigen Reisen, in denen man ganz plötzlich eine tiefe Dankbarkeit empfindet für das, was man zuhause vorfindet, wenn man heimkehrt von der Reise. Es hat natürlich länger gedauert als fünf Minuten, ca. 45 und ich bin froh, als alles vorüber ist. Nateki auch und sie hat ziemliche Schmerzen. Die werden noch etwa drei Tage andauern, sagt sie. Eine solche Frisur hält ca. drei bis vier Monate. Sie freut sich, als ich ihr vorschwärme, wie toll sie mit ihrer Frisur aussieht. Ihr ehrlich zu sagen, dass sie mir vorher nicht unbedingt schlechter gefallen hat, bringe ich nicht übers Herz (Bild 4). Abends steht dasselbe Programm an wie gestern, es hatte uns ja toll gefallen. Dieses Mal setzen wir uns aber erst in das Straßenrestaurant mit den Kebab-Ständen, mit dem wohlklingenden Namen Brochettes de la Capitale und essen dort. Mir schmeckt es wieder gut, Nateki meckert aber an allem herum, an der Qualität des Fleisches, dass es viel teurer wäre wie gestern usw. Mir geht solche Nörgelei, ehrlich gesagt auf die Nerven, ich finde es manchmal sogar peinlich. Aber es ist hier Usus, jeder palavert endlos über jede Kleinigkeit, streitet mit dem Kellner, Verkäufer oder sonst wem, aber am Ende ist alles ok, niemand nimmt dem anderen etwas übel und es wird wieder gelacht. Die Zwanglosigkeit im Umgang miteinander ist faszinierend, jeder redet den anderen, zumindest in den englischsprachigen Ländern, aber manchmal auch in den frankophonen, mit sista bzw. brother an, man hat ja einen Stammbaum, und sofort stellt sich ein Gefühl der Vertrautheit ein. Ich finde das absolut beneidenswert. Die Stimmung im Panini ist nicht ganz so ausgelassen wie gestern, Nateki geht es wegen ihren Haaren nicht so gut, und so machen wir uns recht zeitig auf den Heimweg. Mittwoch, 12.03. Lomé Cotonou Man braucht in Afrika nicht groß zu planen, es kommt sowieso anders als man denkt. Wir wollen eigentlich mit dem Bus weiter nach Cotonou, unser Fahrer vom Hotel bringt uns zum Busbahnhof am Grand Marche, aber noch bevor er hält springen ein paar Männer auf den Wagen zu, schreien ihm kurz etwas zu, einer setzt sich auf den Beifahrersitz und der Wagen prescht davon. Nateki hat sofort erkannt, was los ist, erzählt dauernd we dont want any problems und beginnt dann schon mit den Preisverhandlungen. Mir dämmert auch langsam, dass man uns von den staatlichen Bussen fern halten wollte und uns lieber in ein Privat-Taxi verfrachten wollte. Das geht manchmal nicht ohne nachgeschobene Preisforderungen der Fahrer ab, wie Nateki später erzählt. Aber man überzeugt uns, dass wir einfach nur sechs Plätze in einem Auto kaufen bräuchten, und könnten im D-Zug Tempo nach Benin brausen. Wir handeln auf fünf Plätze herunter plus Ablieferung vor einem Hotel unserer Wahl und bekommen einen BMW älteren Baujahrs, aber noch gut in Schuss. Normal sind hier Peugeots 504 mit 6 oder 7 Plätzen plus Fahrer. Wir zahlen, besser ich zahle also 5 mal 3000 CFA, das sind etwa 23 Euro und schon rasen wir mit teilweise 150 Sachen über eine gerade mit frischem Bitumen versehenen Straße Richtung Benin. Der Fahrer schafft die Togo-Durchquerung auf diese Weise in sage und schreibe 45 Minuten. Eigentlich ein bisschen schade, dieses Tempo, denn die Strecke führt durch eine landschaftlich schöne Umgebung, teilweise direkt an der Küste entlang. Und Nateki ist immer noch dabei, hat gestern abend gebettelt, doch bitte zumindest bis nach Cotonou mitkommen zu dürfen. In Grenzübertritten bin ich nun schon fast ein alter Hase, die Grenze bei Aneho in Togo und Hilla-Condji auf Benin-Seite bereitet keinerlei Probleme, die Prozedur ist fast dieselbe wie vor zwei Tagen, die Schwarzen zahlen und gehen, die Weißen sitzen vor den Beamten und beantworten geduldig die immer wiederkehrenden Fragen nach allem, was nicht aus dem Pass abgeschrieben werden kann, woher, wohin, Beruf, Heimatadresse, Fahrzeug usw. Das Gepäck wird derweil ohne Anwesenheit des Besitzers im Fahrzeug gefilzt. Meine Reisetasche darf daher nicht verschlossen sein und die Fahrer warten auf der anderen Seite hinter der Grenze bis die Passagiere ihre Kontrollen hinter sich haben. Von Benin wusste ich bisher nicht viel, hieß früher Dahomey, Wiege des Voodoo, Kindersklaven, zugegeben, ein recht diffuses Bild. Benin ist aber auch das erste (und einzige?) Land in Afrika, das eine Militärdiktatur demokratisch abgewählt hat. Seitdem erlebt es einen gewissen Aufschwung. Es soll dort noch ein Stück ursprüngliches Afrika zu finden sein, fernab der Touristenströme. Wer war denn schon einmal in Benin ? Selbst in den Diskussionsforen vom LonelyPlanet findet man wenig Stimmen dazu. Es geht mit unvermindertem Tempo Richtung Cotonou. Die Straße ist weiterhin ausgezeichnet, die Dörfer noch ein bisschen schöner und bunter als in Togo. Das erste aber, was auffällt, wenn man in Benin einreist, sind die vielen Stände am Straßenrand, an denen Benzin verkauft wird. Flaschen jeder Größe und Form sind dort aufgebaut, von großen, bauchigen 20, 30 Liter-Gefäßen bis zu kleinen Colaflaschen. Es gibt bisher kaum Tankstellen im Land, die Preise liegen bei ca. 50 Cent pro Liter. Auch ein wenig Wohlstand ist zu erkennen, neu gebaute, fast villenartige Häuser, dort, wo es etwas Fremdenverkehr und damit neue Einnahmequellen gibt, in Gran Popo, dem Ort mit dem schönsten Strand, oder bei Ouidah, dem Zentrum des Voodoo-Kults. Voodoo ist in Benin ja erfunden worden und noch weit verbreitet. Um 11 Uhr Ortszeit, inkl. 1 Stunde Zeitverschiebung, erreichen wir schon Cotonou, nicht die Haupt-, aber die größte Stadt, ca. 1 Mio. Einwohner. Wir nehmen dieses Mal ein Einzelzimmer, niemand stört sich daran, dass wir zu zweit sind oder weiß und schwarz. Es soll auch nur dazu dienen, uns zu duschen, Wäsche zu waschen und unser Gepäck abzustellen. Schlafen wollen wir nicht, sondern heute nacht in der Disco durchmachen, bevor sich morgen unsere Wege trennen. Ich habe mich nämlich entschieden, gleich morgen schon mit dem Zug ins Landesinnere zu fahren und lieber auf dem Rückweg näher die Stadt anzuschauen. Grosse Städte, die bunten afrikanischen Märkte habe ich ja nun schon ein paar gesehen, das reicht fürs Erste. Ghana, Togo, Benin, die Küste entlang. In dreieinhalb Tagen, wohl rekordverdächtig. Den Nachmittag verbringen wir wieder auf dem Markt, Grand Marche de Dantopka, einer der größten in Westafrika, er kommt mir noch etwas chaotischer vor als die anderen. Auch hier bekommt man alles, was man braucht und nicht braucht, aber das Warenangebot ist nicht so sauber getrennt wie anderswo, hier die Waren der Bäuerinnen, dort Bekleidung, dann Ersatzteile fürs Auto usw., sondern alles eher wild durcheinander. Da heute unser, vorläufig, letzter Tag ist, gebe ich Nateki 10.000 CFA, das sind ca. 15 Euro, um sich etwas zum Anziehen zu kaufen, während ich mich ins nächste Internetcafe verziehe. Die Verbindungen sind zwar in Benin extrem langsam, ich bin froh, wenn ich in einer Stunde ein oder zwei mails herausbekomme, aber ich habe eins mit Aircondition gefunden, da kann man sich zumindest etwas erholen. Die feuchte Hitze kommt mir hier noch extremer vor wie in Ghana und Togo, sie raubt einem sämtliche Kräfte. Auch Nateki ist es hier viel zu heiß. Als wir uns nach zwei Stunden in einem Straßencafe wiedertreffen, trägt sie einen großen Beutel in der Hand und breitet freudestrahlend den Inhalt auf dem Tisch aus. Für das Geld hat sie zwei Jeans und 7 oder 8 Oberteile erstanden. Sie hat einen Mopedtaxifahrer gefragt und der hat sie zu einem Markt gefahren, auf dem man billige Second-Hand-Ware aus Europa erstehen kann. Soviel zum Thema Altkleidersammlungen für karitative Zwecke bei uns zuhause. Die Idee mag lobenswert sein, aber zumindest ein Teil landet halt auf solchen Märkten. Damit wird dann die einheimische Bekleidungsindustrie, so es denn überhaupt eine geben sollte, auch noch kaputt gemacht. Das Markenzeichen von Cotonou sind die sog. zemi-jans, Moto-Taxis, deren Fahrer man an ihren knallgelben Hemden mit grünen Nummern erkennen kann (Bild 11). Normale Taxis gibt es nur für weitere Strecken, sie ersetzen praktisch Busse, die bisher in Benin unbekannt waren. Es gibt unzählige von zemi-jans in Cotonou, ich schätze die Hälfte oder mehr der Fahrzeuge sind dort Moped-Taxis. Die Fahrt mit ihnen ist etwas gewöhnungsbedürftig, besonders wenn man Gepäck hat, muss man schauen, dass man nicht hinten runter kippt, wenn sie ruckartig anfahren oder in atemberaubenden Fahrmanövern anderen Fahrzeugen oder den Schlaglöchern in den Straßen ausweichen. Denn so gut auch die Küstenstraße hierher war, für die Straßen in der Stadt scheint das Geld ausgegangen zu sein, überall sind Huckel, Löcher u.a., die aber von Mopeds am besten umfahren werden können. So kommt man auch am schnellsten vorwärts und die Fahrten sind billig, je nach Entfernung 10 oder 20 Cent. Ich kenne mittlerweile die Preise, und das Handeln habe ich auch gelernt. Auch wenn man zu zweit unterwegs ist, gibt es kein Problem, denn auch zwei zemi-jans sind immer schnell gefunden und die Fahrer achten sehr darauf, dass man auch zusammen ans Ziel kommt. Die Wartezeit, bis in der angesagtesten Disco der Stadt, dem New York, New York etwas los ist, verbringen wir bei einer Cola in der Rue des Cheminots. Dort sind weitere Bars und Nightclubs zu finden und schon vor 22 Uhr findet sich hier ein etwas gemischtes Publikum ein. In und vor den Lokalen mit solch klangvollen Namen wie Le 2001, Pattaya Bar, No. 1 oder Soweto Club warten Dutzende von schwarzen Ladies, ich frage mich nur, auf wen oder was ? Es gibt offensichtlich ein krasses Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage, und ich bin heilfroh, dass ich hier in weiblicher Begleitung aufkreuze. Gegen Mitternacht sind wir im New York New York fast die einzigen Gäste. Eine der Bardamen, aus Kamerun, erzählt aber, wir sollten ruhig bleiben, in einer halben Stunde wäre der Laden voll. Gegen 1 Uhr füllt er sich auch tatsächlich und um 2 Uhr ist es brechend voll, auf der Tanzfläche genauso wie an den Theken und Sitzecken. Das Publikum besteht neben einigen wenigen Expats und Entwicklungshelfern vorwiegend aus französischen Fremdenlegionären bzw. Militärs, die derzeit wegen des Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste im Einsatz sind und zum Abfeiern wohl hierher gebracht werden sowie auf weiblicher Seite aus Frauen aus fast allen Ländern Afrikas. Hier sind alle Hautfarben vertreten, von weißen Araberinnen bis zu tiefschwarzen Schönheiten, alle Frisuren, die man sich vorstellen kann und das Sprachenwirrwarr ist enorm. Damit habe besonders ich zu kämpfen, denn während Nateki vorwiegend auf der Tanzfläche zu finden ist, reden ständig mehrere Damen auf mich ein, in Englisch und Französisch, und ich verstehe schon allein wegen der Lautstärke der Musik kaum etwas. Wenn es mir zuviel wird, hole ich Nateki zu mir, dann habe ich etwas Ruhe, geht sie wieder Tanzen, geht das Spiel von vorne los. Die Franzosen machen Richtung Stimmung, die Mädels haben auch ihren Spaß, aber das große Geschäft wird es für sie heute Nacht nicht, die meisten Militärs ziehen solo von dannen, der Sold reicht wohl nicht für mehr. Donnerstag, 13.03. Cotonou - Parakou Als wir um 6 Uhr die Disco verlassen, sind wir noch lange nicht die Letzten. Wir holen unser Gepäck und fahren zum Bahnhof. Noch einmal versucht es Nateki. Sie würde so gern weiter mitkommen, es kostet ja auch nicht viel mehr, zu zweit zu reisen, die Hotelkosten wären die gleichen, die Verkehrsmittel billig und essen würde sie eh nur einmal am Tag. Und behilflich sein im Alltag könne sie auch, sie spricht ja viele Dialekte und könne sich überall verständigen. Alles richtig, aber das Ganze ist mir zu delikat. Es bleibt dabei, sie fährt zurück. Ich verspreche aber, dass wir uns in Accra wiedertreffen werden. Aber eines möchte sie noch. Sie ist noch nie mit dem Zug gefahren. Wir überlegen kurz. Es würde klappen. Sie fährt bis zur nächsten Stadt mit, dort steigt sie aus, fährt mit dem Bus zurück nach Cotonou und dann weiter nach Accra. Auch so kann sie heute abend noch zu Hause ankommen. Wir fahren im 1.Klasse-Wagen, er ist hier noch relativ leer, wird sich später aber allmählich füllen. Die Sitze sind weich und bequem, insgesamt macht der Zug einen viel besseren Eindruck als der letzte, mit dem ich in Burkina Faso unterwegs war. Er fährt auch pünktlich um 8.30 Uhr ab. Nateki freut sich wie ein kleines Kind, als er sich in Bewegung setzt. Ich habe, ehrlich gesagt, etwas Bedenken, ob sie auch wirklich in Bohicon wie vereinbart aussteigt. Sie tut es aber tatsächlich und mit ihrer Rückfahrt klappt auch alles prima, wie sie später berichtet. Damit hat sie sich zumindest im Hinblick auf die Zugfahrt einige Strapazen erspart. Für die 450 km bis Parakou, einer Provinzhauptstadt auf dem Weg Richtung Niger, benötigt der Zug laut Fahrplan 9 Stunden, Preis ca. 8 Euro in der 1. Klasse. Ich fand es ja gleich etwas übertrieben, dass am Aushang im Bahnhof in Cotonou die Ankunftszeiten exakt in Minuten angegeben waren: Bohicon 11.19, Dassa 13.01, Save 14.15, Parakou 17.25. Ungefähre Stundenangaben würden völlig reichen. Die Verspätung summiert sich bis zur Endstation auf mehr als 3 Stunden, es sind genau diese 3 Stunden, um die mir diese Fahrt zu lang ist. So interessant wie ich es mir erhofft habe, ist solch eine Zugfahrt in Afrika schon. Man sieht viel von der Landschaft, wie sie sich allmählich verändert, sieht unzählige Dörfer, einige Städte, viele, viele Menschen unterwegs. Ganz besonders unterhaltsam sind die vielen Stopps an den Bahnstationen, wenn die Ladung, die u.a. aus Mopeds, Möbeln, Benzinfässern und Lebensmitteln besteht, ein- und ausgeladen wird und unzählige Händlerinnen auf den Zug losstürmen und vor allem Nahrungsmittel anbieten, Hähnchen, Bananen, Erdnüsse, Yam, Trinkwasser in Tüten und vieles, vieles mehr, oft Dinge, die ich noch nie gesehen habe (Bild 12 bis 15). Man kann sich gar nicht satt sehen an diesen Bildern, aber die Fahrt wird durch die Hitze zunehmend anstrengend, ich schütte mir auf jeder zweiten Station einen Beutel Wasser über den Kopf, das lindert zumindest für die nächsten Minuten. Als wir endlich gegen 20.30 Uhr im Dunkeln Parakou erreichen, fühle ich mich zum ersten Mal gesundheitlich nicht gut, ich habe Magenkrämpfe. Vielleicht habe ich ja irgend etwas unterwegs nicht vertragen oder es ist allgemein die Anstrengung der letzten Tage mit den vielen Fahrten und dem zermürbenden Klima. In Parakou angekommen suche ich mir schnell ein gutes Hotel, La Princesse, Kostenpunkt 40 Euro, stelle die Aircon und den Fernseher an und verschwinde dann für längere Zeit auf die Toilette. Freitag, 14.03. Parakou Auszeit. Ich schlafe zwar nicht sehr lange, aber ich liege auf dem Bett, schaue irgendwelche dämlichen afrikanischen Soaps bzw. französischen Schmuddel-Talkshows, die mir noch schlimmer erscheinen als die, die man seit Jahren bei uns auf den Privaten nachmittags sehen kann. Zur Beschäftigung mit sinnvolleren Dingen wie Bücher oder Reiseführer lesen fehlt mir die Energie. Dass ich die Zeit hier vergammle, ist nicht schlimm. Der Weg ist das Ziel, nach Parakou wollte ich nur, weil es zufällig die Endstation der Bahnlinie ist. Meine Güte, was für ein Kaff ! Dabei ist Parakou doch Hauptstadt der Provinz Borgou, mit 100.000 Einwohnern. Aber das Einzige, was mir bei meinem kurzen Stadtrundgang nachmittags reizvoll erscheint, ist die größere Vielfalt der Menschen, hier sieht man auch mehr Bewohner der Sahelzone, viele Mohammedaner, auch einige Tuareg. Der Einfluss des Islam ist hier deutlicher zu spüren. Aber sonst ? Kaum Restaurants, Straßencafes, Geschäfte, selbst der Markt wirkt wenig anziehend. Wenige geteerte Straßen, nur Sand und Staub. Der neue Hotelmanager ist ein umtriebiger und freundlicher lustiger Mensch. Er hat vorher ein Hotel in Cotonou geleitet, war auch 10 Jahre in Ghana. Was für eine Strafversetzung, nun hier leben zu müssen! Er macht mir die Disco des Ortes schmackhaft, gleich neben dem Hotel, zeigt sie mir tagsüber. Klein und schnuckelig, gemütlich und geschmackvoll eingerichtet. Heute ist ja Freitag, Wochenende, ich müsse unbedingt kommen. Tue ich auch, aber es ist nur wenig Betrieb, ein paar Jugendliche, später die Upper Class des Ortes, ein paar Ehepaare älteren Jahrgangs, schwache Musik. Samstag, 15.03. Parakou - Natitingou Ich sitze lange im Hotelrestaurant, esse etwas und bemühe mich fast erfolgreich- den gesamten Inhalt der Kühltruhe leer zu trinken. Die Hotelangestellten sind fast unterwürfig, jedes noch so kleine Trinkgeld wird mit übertriebener Dankbarkeit entgegen genommen. Um 14.30 Uhr geht es mit dem Africaliner nach Natitingou. Diese Buslinie gibt es noch nicht lange, sie gehört zur selben spanischen Gruppe, die auch die Euroliner in Deutschland betreibt. Vorher gab es in Benin, glaube ich, überhaupt keine Busse, der gesamte Personentransport lief über Busch-Taxis. Ich bin anscheinend, wie so oft, der einzige Weiße, der den Bus benutzen will, kurz vor Abfahrt wird das Gewühl zunehmend größer, dann erzählt mir einer, der sich als Busangestellter ausgibt, dass der Bus heute nach Cotonou fährt und ich nach Natitingou mit dem Buschtaxi fahren müsse. Während meine Verwirrung steigt kommt mir ein weißer Engel zu Hilfe. Eine deutsche Leiterin eines Hilfsprojektes im Niger taucht auf, will mit einem anderen Bus weiter nach Malanville, der Grenzstadt zum Niger und erzählt mir, dass ich diesen Typen nicht glauben dürfe. Die würden von den Taxi-Betreibern bezahlt, um Kundschaft zu werben. Obwohl die Fahrt nach Natitingou nur drei Stunden dauert, wird auch diese Fahrt wieder zur Tortur. Es herrscht eine fürchterliche Hitze im Bus, ich habe nichts zu Trinken mit, und ich träume die ganze Zeit von einer eisgekühlten Cola. Die Dörfer unterwegs machen einen trostlosen Eindruck. Besonders die Wellblechdächer vermitteln einen Hauch von Slum, von Exotik wie z.B. im Süden Burkina Fasos auf meiner letzten Reise keine Spur. Nur die Gotteshäuser, Kirchen wie Moscheen gleichermaßen, fallen in manchen Dörfern auf, wirken viel zu protzig und heben sich fast unangenehm von der Umgebung ab. Ob man mit solchen Prachtbauten den Menschen hier wirklich von Nutzen ist ? Aber auch in Natitingou kommen wir irgendwann an. Gleich beim Aussteigen werde ich von Marcel angesprochen, der mir eine Safari in den Pendjari-Nationalpark verkaufen will. Er fährt mich zum besten Hotel am Platz und erzählt mir dann Genaueres, wie es ablaufen soll. Ich brauche nicht lange zu überlegen. Dass es diesen Park gibt, habe ich gelesen, aber ich dachte, er wäre viel zu weit entfernt und würde keinesfalls in meinen Reiseplan passen. Für zwei Tage inkl. Übernachtung verlangt Marcel 150 Euro. Das ist in Ordnung. Morgen früh um 6 Uhr soll es losgehen. Sonntag, 16.03. Pendjari-Nationalpark Mit 30 Minuten Verspätung brechen wir auf. Wir kaufen noch schnell einige Liter Wasser sowie Baguettes im Ort, dann brausen wir in Marcels Jeep, zusammen mit Richard, seinem Gehilfen, aus dem Ort. Die Fahrt zum Park-Eingang soll etwa zwei Stunden dauern. Die geteerte Straße hört kurz hinter dem Ortsrand auf, dann fängt die abenteuerlichste Piste an, die ich bisher erlebt habe. Beim kleinsten Regenguss geht hier gar nichts mehr. Mit dem Jeep kommen wir gut voran, im Gegensatz zu den meisten anderen Verkehrsteilnehmern, besonders die Laster haben zu kämpfen, etwa jeder vierte ist bereits liegengeblieben, mit Platten oder steckt in tiefen Löchern fest. Alle paar Hundert Meter stehen Autowracks am Straßenrand, wir kommen an 6 bis 8 Lastern vorbei, die wohl vor kurzem umgekippt sind, die Ladung liegt daneben, Männer hocken unter Bäumen und warten darauf, dass ein anderer LKW kommt und sie umgeladen werden kann. Es ist die Hauptstrecke nach Burkina Faso und an einigen Stellen sind gerade Bautrupps mit dem Ausbau beschäftigt. Es wird aber sicherlich noch eine ganze Weile dauern, bis hier einmal ein vernünftiger Verkehr möglich ist. Der Pendjari-Nationalpark ist zwar durch Wege erschlossen, es handelt sich hier aber meist um Wellblechpisten, die selbst im Jeep entsetzlich ruckeln und krachen. Der Tierreichtum ist nicht mit dem von ost- oder südafrikanischen Parks zu vergleichen, aber es ist meine erste Safari und es macht mir Spaß, die Tiere nicht einfach präsentiert zu bekommen, sondern sie meist suchen zu müssen. Am Anfang sehen wir kaum welche, eine Antilope, zwei Wasserbüffel. Dann aber kommen wir zum Mare Bali, einem Wasserloch, an dem ein Hochstand zur Beobachtung gebaut wurde. Wir sind die ersten heute, später kommen noch zwei weitere Jeeps an. Das Bild, das sich hier bietet, ist ein Traum. Viele Tierarten haben sich hier eingefunden, um zu trinken oder in der Nähe zu weiden. Wasserbüffel, Antilopen, Gnus, Warzenschweine, auch Affen, auf den Bäumen sitzen Geier und im See schwimmen Krokodile. Ca. 100 Meter vom Hochstand entfernt sitzen zwei Löwen, die einen Wasserbüffel erlegt haben und sich nun eigentlich unter einem schattigen Baum ausruhen wollen, ihre Beute aber mühsam gegen Hunderte von Geiern verteidigen müssen, die immer dann, wenn sich die Löwen unter den Baum legen, über die Beute herfallen. Ich steige vom Beobachtungsstand herunter und gehe etwas auf die Löwen zu, um noch besser Fotos machen zu können. Dass irgendeine Gefahr von ihnen ausgehen könnte, kommt mir nicht in den Sinn, wie sie so träge daliegen. Aber die guides, die hier für jedes Fahrzeug vorgeschrieben sind, bremsen mich und winken mich wieder hoch (Bild 16,17). Wir bleiben lange hier, essen Baguette mit Ölsardinen und trinken Wasser. Bevor wir weiterfahren kommen auch noch drei schräge Typen mit einem Jeep an. Sie sind seit Monaten unterwegs, haben die Sahara durchquert und wollen nun ihr Fahrzeug bald verkaufen. Marcel, ganz Geschäftsmann, will gleich in die Verkaufsverhandlungen eintreten. Die Drei verneinen meine Frage, ob sie aus Spanien kommen, sie seien Basken und weigern sich entschieden, Spanisch zu reden. Da sie kaum Englisch und kein Französisch sprechen, gestaltet sich die Verständigung natürlich äußerst schwierig. Ein Blick in ihr Auto wirft für mich die Frage auf, was sie denn mit ihren vielen Sachen machen wollen, wenn das Auto verkauft ist. Es ist bis unters Dach voll beladen. Auch ihr Essen haben sie dabei, Lebendfutter. Zwei Hühner und ein Ferkel blicken mich neugierig an. Oder sind die Drei etwa dem Voodoo-Kult verfallen und halten mit ihnen blutige Messen ab ? Im weiteren Verlauf des Tages sehe ich zum ersten Mal live auch Elefanten, aber recht weit entfernt (Bild 18), an einem weiteren See Hunderte von Nilpferden und Krokodilen, später viele weitere Affenarten, zwischendurch immer wieder Büffel, Warzenschweine und verschiedene Antilopenarten. Wir sind nun direkt am Pendjari-Fluß, der die Grenze zu Burkina Faso bildet, und fahren über weite, bereits abgebrannte Felder. Dabei sind es eigentlich noch drei Monate bis zum Ende der Trockenzeit. Auf der anderen Seite des Flusses wüten heftige Waldbrände, so nah, dass ich die Hitze spüren kann. Die Rauchschwaden ziehen zu uns herüber und rauben uns auf Hunderten von Metern die Sicht. Ich sitze mittlerweile nicht mehr im, sondern auf dem Jeep, zusammen mit Richard (Bild 19). Abgesehen davon, dass wir durch den Rauch heftige Hustenanfälle haben, ist das ein Heidenspaß. Man kann von hier oben natürlich viel besser Tiere entdecken und beobachten. Und es macht Spaß, mit 60, 70 Sachen durch die Gegend zu düsen. Allerdings muss man aufpassen, dass man rechtzeitig vor herabhängenden Ästen und Zweigen den Kopf einzieht. Insgesamt wieder ein anstrengender, aber ereignisreicher, toller Tag. Abends fahren wir dann ins Camp, hier kann ich noch etwas im Swimming-Pool planschen. Während Marcel und Richard im bzw. auf dem Auto schlafen, beziehe ich mein Bungalow mit Moskitonetz, ohne Aircon. Es ist hier drinnen entsetzlich heiß, ich hätte gerne mit dem Schläfer auf dem Autodach getauscht. Montag, 17.03. Pendjari-Nationalpark - Natitingou Ohne Frühstück, wie immer, geht es um 6.30 Uhr weiter. Mein Appetit ist gleich Null, mein Durst dafür umso größer. Außer dem Wasser, das mittlerweile lauwarm ist und schon etwas faulig schmeckt, haben wir aber nichts mehr dabei. Bald entdecken wir ganz dicht einen Elefanten, der am Waldrand seine Mahlzeit in Form von Blättern einnimmt. Beim Mare Bali machen wir noch einmal einen Stop, die Löwen haben über Nacht noch einen zweiten Büffel erlegt und liegen gerade mitten auf der Straße. Wir klettern lieber vom Dach wieder ins Auto und warten, bis sie sich von alleine verziehen (Bild 20). Dann geht es wieder Richtung Parkausgang und weiter nach Tanguieta. Die Dörfer, durch die wir fahren, machen zwar schon allein dadurch, dass die Dächer nicht aus Wellblech, sondern aus Stroh bestehen, einen besseren Eindruck, aber die Massen von Kindern, die überall auf uns zu stürmen, bieten einen verwahrlosten und oft erbärmlichen Anblick. Manchmal fühle ich mich an Bilder von Hungersnöten im Fernsehen erinnert. Überraschend ist für mich auch, dass man, eigentlich in ganz Benin, aber ganz besonders hier im Norden, viele Frauen noch barbusig sieht. Ich frage mich beim Anblick gerade der älteren Leute in den Dörfern manchmal, was diese denn eigentlich denken müssen, wenn sie vor ihren Hütten sitzen und die Autos und Laster an ihren Dörfern vorbeibrausen sehen. Was die Ankunft der modernen Welt den Menschen hier auf jeden Fall gebracht hat, ist eine Menge Müll, Plastikberge, die nicht verrotten. Die große weite Welt ist hier jedenfalls ganz weit weg, das Gerede von der Globalisierung wird beim Anblick diesen Teils der Welt ad absurdum geführt. Ganz anderes bietet sich uns an einem Platz, auf dem Nomaden ihre Zelte aufgeschlagen haben, sie sind vom Stamme der Peulh. Zwei ältere Mädchen kommen, sie sind hübsch angezogen mit bunten Tüchern und haben Stammesnarben im Gesicht. Sie lachen und bitten uns, sie ein Stück mitzunehmen zum nächsten Brunnen, um Wasser zu holen (Bild 21, 22). In der Nähe ist auch ein wunderschöner Wasserfall. Im See kann man baden, wir sind aber nicht alleine, eine internationale Jugendgruppe einer kirchlichen Organisation verbringt hier einen freien Vormittag. Auf der Rückfahrt nach Natitingou machen wir noch an einer Tata Somba halt, einer Wohnburg der Sombas aus Lehm. Für ein paar Münzen dürfen wir eintreten, der Hausherr liegt mit zwei barbusigen Frauen träge im Innenhof und jede Menge Kinder tauchen aus allen Ecken und Winkeln auf. Das Erdgeschoss ist hier für das Vieh reserviert, auf einem schmalen, wackeligen Baumstamm mit Kerben gelangt man in den ersten Stock. Hier befindet sich das Getreide und die Küche, in der obersten Etage dann die Wohn- und Schlafräume, getrennt nach Männern und Frauen (Bild 23, 24). Als wir zurück kommen nach Natitingou frage ich Marcel, ob es hier auch Voodoo gibt. Ja, sagt er, aber nicht so verbreitet wie im Süden. Wir fahren daraufhin an den Ortsrand, steigen aus und laufen an verschiedenen Hütten und Feldern vorbei bis wir zu einem Baum kommen, in dessen Schatten zwei alte Frauen auf einer Strohmatte hocken. Ein alter Mann mit weißen Haaren und mit einer blauen Turnhose bekleidet liegt daneben. Marcel grüßt ihn, spricht mit ihm, dann werde ich vorgestellt. Wir gehen in ein nahes Gehöft. Im Innenhof sind kleine Getreidespeicher, eine Kochstelle, links ein Raum, in den uns der alte Mann bittet (Bild 25). Er ist klein, duster und verraucht. Auf einer Matte liegen allerlei Dinge, Pulver, Schalen und Gegenstände, die ich zunächst eigentlich nicht mit Voodoo in Verbindung bringen würde, eine alte Aktentasche, ein Kugelschreiber. Marcel spricht wieder mit dem Alten, erklärt ihm wohl, dass ich etwas über Voodoo erfahren möchte. Ich soll drei Münzen auf die Erde werfen, die bedeckt der Alte dann mit einem Pulver und legt sie anschließend in eine mit einer Flüssigkeit gefüllte Kallebasse. Er fragt nach meinem Namen und wo ich herkomme. Dann murmelt er allerlei Unverständliches und als die Münzen auf den Boden des Gefäßes gesunken sind, wirft er eine Kaurimuschel hinein. Die holt er kurze Zeit später wieder heraus, pustet einmal rein und hält sie an sein Ohr. Nach einer Weile spricht er zu Marcel, der übersetzt mir auf Französisch: ich habe eine Frau, zwei Kinder und einen Beruf, der etwas mit Geld zu tun hat und nach meiner Rückkehr würden mich keinerlei Probleme zuhause erwarten. Ich versichere hiermit eidesstattlich, dass ich weder Marcel noch sonst wem diese Dinge über mich erzählt habe, so dass er bei der Übersetzung vielleicht etwas manipulieren konnte. Woher weiß der Alte das ? Ach so, das ist halt Voodoo ! Zum Schluss soll ich noch 5.000 CFA da lassen, der alte Mann will dafür auf dem Markt ein paar Dinge kaufen und für mich einen Fetisch anfertigen. Den kann ich heute Abend abholen. Damit ist die Sitzung beendet. Ich gestehe, die Gedankenwelt des Voodoo ist mir ziemlich fremd, aber das Ganze hat schon etwas Feierliches, Mystisches gehabt. Ich bin froh, Marcel darum gebeten zu haben. Den alten Mann nehmen wir im Jeep mit zum Markt. Dazu zieht er sich einen Umhang über und setzt sich eine bunte Pudelmütze auf, ein herzerfrischender Anblick. Natitingou ist ein schöner Ort, ganz anders als Parakou. An der Hauptstraße reiht sich ein Geschäft, ein Restaurant ans andere. Abends habe ich mich mit Marcel verabredet, wir lassen uns mit Moped-Taxis, die es selbstverständlich nicht nur in Cotonou, sondern in ganz Benin, so auch hier, gibt, wieder zum Haus des Alten bringen. Wir treten in den Innenhof. In einer Ecke hockt er, er ist noch mit meinem Fetisch beschäftigt und lässt sich von einem Mann mit einer Taschenlampe Licht machen. Ich setze mich auf einen niedrigen Hocker davor und schaue zu. Hier herrscht eine besondere Atmosphäre, es ist Vollmond, ein paar Hunde streifen umher, Frauen reden leise irgendwo im Hintergrund. Sonst Stille. Nach einer Weile ist der Fetisch fertig, der Alte bespricht ihn noch mit ein paar Worten und gibt ihn mir. Es ist eine Art Multifunktions-Fetisch, zugleich für Wünsche und Sorgen geeignet. Er ist länglich und besteht aus Schwanzhaar eines Tieres, halb Pferd, halb Esel, das ich im Nationalpark gesehen habe, dessen Namen ich aber vergessen habe, Brusthaar vom Löwen, das auf einer Baumrinde geklebt ist, einer geheimen Formel, die der Mann aufgeschrieben und als kleines Päckchen gut verschnürt hat, zu einer Zigarre geformter getrockneter Lehm sowie einem Vorhängeschloss, um die Wünsche festzuhalten bzw. freizulassen. Fetische sind Gegenstände aus heiligen und besondere Kräfte besitzenden Materialien, die die Götter anlocken und besänftigen sollen. Je mehr der Voodoo-Priester über diese magischen Kräfte weiß, umso größer fällt die Wirkung aus. Wollen wir hoffen, dass mein Alter ein Fachmann auf diesem Gebiet ist, dann kann mir ja in meinem weiteren Leben eigentlich nichts mehr passieren. Zum Schluss fordert er noch einmal etwas Geld, Marcel sagt 5.000 CFA wären angemessen. Damit beläuft sich der Preis meines Fetisches auf etwa 15 Euro. Aber solche materiellen Überlegungen sollte man im Zusammenhang mit Fetischen besser beiseite lassen. Dienstag, 18.03. Natitingou - Cotonou Der Abstecher nach Natitingou und dem Pendjari-Nationalpark, dazu der gestrige Besuch beim Voodoo-Mann werden bestimmt zu den Höhepunkten meiner Tour gehören. Nun geht es aber wieder zurück Richtung Küste, nach Cotonou, wieder mit dem Africaliner. Der Bus, wie er so da steht morgens um 6, sieht passabel aus. Die Aufschrift Climatisé lässt kühne Träume in mir aufkommen. Ich habe nämlich etwas Bedenken, noch einmal solche Horrortrips wie in den letzten Tagen unternehmen zu müssen. Und der Weg zurück nach Cotonou ist weit. Die gute Nachricht zuerst: er fährt pünktlich um 7 Uhr ab. Nun die schlechten: Die Aircon ist völlig überfordert bei der Hitze, die Straßen sind auf der zweite Hälfte schlecht, er hält nur einmal kurz, so dass ich kaum Zeit habe, meine, leider lauwarme Cola ganz auszutrinken, während der ganzen Zeit laufen in ohrenbetäubender Lautstärke entsetzlich schnulzige nigerianische und senegalesische Seifenopern und die Fahrt durch die Vororte von Cotonou zieht sich wie Kaugummi, weil an jeder Ecke jemand aussteigen will, so dass die Fahrt doch wieder 8 Stunden dauert. Ich beziehe Quartier im Hotel de LUnion, von dem wegen seines jämmerlichen Services in meinem Reiseführer abgeraten wird. Aber es liegt zentral und die Wege mit dem zemi-jan sind nicht weit. Denke ich. Doch allein, ohne Nateki, habe ich nun Schwierigkeiten, mich verständlich zu machen. Selbst bekannte Straßen und Plätze verstehen die Fahrer falsch, statt zu meinem Hotel de LUnion fährt mich einer zum Hotel de la Nation, statt beim Hotel Concorde lande ich beim Cinema Concorde, in einem ganz anderen Stadtteil. Aber ich füge mich in mein Schicksal, steige dann ab, als wenn alles in bester Ordnung wäre und versuche es mit dem nächsten Moto-Taxi. In Cotonou bin ich allein. Leute, mit denen man am leichtesten Kontakt aufnehmen kann, fallen hier aus. Die Rezeptionisten sind nicht sehr freundlich, andere Hotelgäste, die oft in der Lobby herumsitzen wenig vertrauenserweckend, einige Weiße darunter, aber ziemlich wilde Gestalten, ich würde gerne wissen, was die hier treiben. Passieren kann mir aber hier im Hotel nichts. Dafür sorgt schon Katherine. Die passt gut auf mich auf. Katherine ist schon etwas älter, Baujahr 1967, hat sich aber sehr gut gehalten. Ich mochte sie sofort, als ich sie sah. Ich hoffe, sie mich auch. Katherine ist ein Krokodil, das sein Bassin direkt neben meiner Zimmertür hat ... Im Costa Rica, einem beliebten und sehr schön eingerichteten Lokal in der Nähe des Hotels esse ich Pizza, mein Appetit kommt anscheinend langsam wieder, dazu Bier vom Fass, hinterher einen frisch gepressten Orangensaft. Danach fühle ich mich bereit für den Härtetest, einmal allein durch die Rue des Cheminots, an den ganzen Lokalen und Mädels vorbei. Nateki hatte am ersten Abend in Cotonou bei diesem Gedanken gelacht: Die werden dich zerreißen ! Als Weißer bist du hier Freiwild und Hauptgewinn zugleich. Nach den ersten Kontakten gehe ich etwas schneller, irgendwo anhalten will ich sowieso nicht. Als ich die ca. 500 Meter zurückgelegt habe, habe ich einige Schrammen an den Armen, vielleicht auch ein paar blaue Flecken, aber meine Kleidung ist wenigstens noch ganz. Um hier aber keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen, nicht überall geht es so zu. Ich bin gerade in Cotonou auch abends viel zu Fuß unterwegs. Nirgends fühle ich mich übermäßig unsicher oder unwohl, nirgendwo sonst werde ich angesprochen oder groß angeguckt. Man nimmt wenig Notiz von mir und das ist auch sehr angenehm so. Mittwoch, 19.03. Cotonou Heute mache ich das, was ich am liebsten in einer fremden Stadt mache, sie zu Fuß erwandern, auch wenn das bei dem Klima sehr anstrengend ist. Ich lasse mich zum Dantopka-Markt fahren, von dort starte ich meinen Fußmarsch. Noch einmal kreuz und quer durch den riesigen Markt, über die Brücke der Lagune, unterwegs mal eine Cola oder Sprite an einer Straßenbude, dann weiter, Leute angucken, Atmosphäre schnuppern und genießen und Abgase einatmen. Die Luft ist wie in allen Großstädten blau von den vielen Abgasen, hier natürlich besonders von den Mopeds, noch etwas schlimmer wie anderswo. Mittags komme ich durch Zufall, mein Mopedfahrer hat sich mal wieder verfahren, an einem Neubaukomplex mit Lokalen und Bars vorbei. Das Restaurant Berlin hat anscheinend gerade eröffnet, man kann draußen im Schatten fast direkt an der Mündung der Lagune ins Meer sitzen, kann ein paar Fischern zuschauen und die Wellen des Atlantiks sehen und hören. Meine Bestellung ist am Ende wohl recht außergewöhnlich: 1 Pizza und 8 Cola. Hier werden meine Träume von vor ein paar Tagen im Landesinnern Wirklichkeit: 1 Glas voll mit Eiswürfeln, oben drauf eine Limonenscheibe und eine Flasche Cola. Ich gieße das Glas voll, lausche zwei Minuten dem Knacken und Zischen der Eiswürfel, warte, bis die Cola schön kalt ist, trinke ohne abzusetzen aus und bestelle die nächste Flasche. Herrlich ! Dann komme ich endlich meinen Urlaubspflichten nach und kaufe Ansichtskarten. Die in Togo habe ich Nateki für mich schreiben lassen, hier muss ich nun selber ran. Ich tue das auf der Terrasse meines Hotels, schaue dem Feierabendverkehr auf dem Bd. St. Michel zu und frage mich, was ich eigentlich an solch einer chaotischen Stadt wie Cotonou finde. Eine Antwort darauf zu geben ist schwierig, aber eines weiß ich: wenn mir nächstes Jahr jemand zwei Flugtickets unter die Nase hält und mich fragt, wo ich lieber hin möchte, nach Los Angeles oder nach Cotonou, die Wahl fiele mir nicht schwer. Abends wieder das Standardprogramm im Costa Rica mit Pizza, Bier und O-Saft. Die schwarzen Ladies in der Rue des Cheminots müssen heute und in Zukunft allerdings ohne mich auskommen. Donnerstag, 20.03. Cotonou Es hat heute Nacht geregnet, nicht viel, aber trotzdem stehen viele Straßen unter Wasser. Wie muss es hier erst in der Regenzeit aussehen ? Ich bin auf dem Weg nach Ganvie, der größten Pfahlbausiedlung Afrikas. Sie war früher ein Zufluchtsort vor den kriegerischen Nachstellungen verschiedener Stämme, die den Kontakt mit Wasser aus religiösen Gründen mieden. Heute leben hier bis zu 30.000 Menschen, die dort alles finden, was sie zum Leben brauchen. Es gibt Schulen, Kirchen, Restaurants, auch Übernachten kann man hier. Um nach Ganvie zu gelangen, fährt man zunächst mit dem Taxi in einen Vorort, von dort kann man dann entweder mit einer Piroge oder einem Motorboot über den Nokoue-See weiterfahren (Bild 26). Ich entscheide mich für eine Piroge, das ist gemütlicher, billiger und dauert länger. Der Fährmann steht hinten und stakt mit einem langen Stock durch den See. Es ist noch recht früh und viele Frauen kommen uns mit Booten entgegen, um ihre Waren auf dem Festland zu verkaufen. Die Männer betreiben Lagunenfischerei. Das Leben in Ganvie selber mag sicherlich für die Leute sehr bescheiden und anspruchslos sein, auf den durchschippernden Touristen wirkt es aber durchaus idyllisch. Die Kanäle haben hier alle Namen, besonders faszinierend und sehenswert ist der Schwimmende Markt, wo die Händlerinnen auf Booten ihre Nahrungsmittel anbieten. Die Preise sind gepfeffert, zumindest für Touristen, die Bananen sollen das Fünffache des normalen Preises kosten. Das Wetter ist zwar schlecht für die Fotos, aber ansonsten sehr angenehm. Nach dem Regen der letzten Nacht ist der Himmel noch bedeckt, und es ist noch nicht so heiß wie sonst. Fotos zu machen ist aber sowieso sehr schwer, zumindest Nahaufnahmen sind unmöglich. Die Leute verlangen astronomische Summen dafür, jede vorbeikommende Frau und jedes Kind bettelt um Geld. Das sind die Folgen des Fremdenverkehrs, der Ganvie in bescheidenem Rahmen natürlich- überlaufen hat. So extrem habe ich das selten erlebt, und in einem Land, in dem bettelnde Einheimische, es sei denn, es handelt sich um Alte oder Behinderte, kaum vorkommen, fällt das natürlich besonders auf. Mittags bin ich wieder zurück in der Stadt. Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier, also wieder ins Restaurant Berlin, Pizza essen, aber dieses Mal weniger Cola, danach mal wieder ins Internetcafe, aber die langsamen Verbindungen nerven doch gewaltig. Auf dem Rückweg versuche ich herauszubekommen, wie denn der Transport nach Lome funktioniert, aber in dem Chaos, der auf dem Markt herrscht, wo auch der Busbahnhof sein soll, finde ich mich überhaupt nicht zurecht. Abends ruft tatsächlich Nateki an. Ich hatte ihr mein wahrscheinliches Hotel genannt. Ein Zufall, dass sie mich erwischt, dass sie bei dem Telefonnetz überhaupt durchkommt. Ich habe mich eigentlich noch nicht entschieden, ob ich noch in Lome einen Zwischenstopp mache oder direkt nach Accra durchfahre. Sie sagt, egal, was ich mache, sie kommt auf jeden Fall nach Lome und wartet dort auf mich. Wie sie mich dort abfangen will, bleibt mir unklar. Freitag, 21.03. Cotonou - Accra Ich schlafe leider ein wenig zu lange heute morgen. Daher treffe ich auch mit dem Moto-Taxi erst nach 9 Uhr am Markt ein. Der Fahrer hatte meine Reisetasche zwischen die Beine geklemmt, ich hatte meinen Rucksack auf dem Rücken. So bin ich leicht als Reisender zu erkennen, und sofort stürmt ein Mann auf mich zu. Lome ? Lome ? Zwei Minuten später sitze ich in einem Peugeot, in dem gerade noch ein Fahrgast gefehlt hat. Die Taxi-Brousse, so heißen die Buschtaxis in den frankophonen Ländern, fahren erst los, wenn sie voll sind. Voll heißt, 6 Leute plus Fahrer. Wenn man bequemer sitzen will, muss man halt mehr Tickets kaufen, oder gleich alle, wie wir auf der Hinfahrt. Dieses Mal kaufe ich aber nur eins, und habe Glück im Unglück. Wir sitzen vorne zu zweit neben dem Fahrer, ich an der Tür und neben, manchmal auch auf mir eine durchaus nicht unattraktive Beninoise. Wir kommen uns körperlich während der dreistündigen Fahrt zwangsläufig sehr nahe, seelisch nicht so, die Leute schweigen sich an, es ist halt sehr heiß und ungemütlich im Wagen und jeder ist froh, wenn die Fahrt zu Ende ist. Ein Tourist im Auto bedeutet allerdings für die Mitreisenden längere Wartezeiten an der Grenze. Das Taxi fährt ja erst weiter, wenn alle Insassen die Grenze passiert haben, und das dauert bei mir am längsten. Nateki wartet seit Stunden. Dass sie mich in dem Gewühl überhaupt findet, ist schon ein Wunder. Sie freut sich überschwänglich, ich freue mich auch. Ich habe beschlossen, gleich weiter durchzustarten nach Accra. Das ist aber leichter gesagt als getan. Erst einmal werden wir auf togolesischer Seite von allen möglichen Leuten heftig bedrängt. Wir wählen zwei aus, eine Kofferträgerin und einen jungen Mann, der mir erst einmal zu einer eisgekühlten Cola verhilft, dann die noch fehlenden als Souvenir gedachten Bierflaschen aus Togo besorgt und auch den Geldumtausch CFA in Cedi vornimmt. Während ich mir meine Aus- und Einreisestempel besorge, verschwindet mein Gepäck mit der Trägerin im Gewühl. Es wäre ein Leichtes, sowohl hier wie auch bisher an jeder Grenze sich mit dem Gepäck aus dem Staub zu machen. Aber das passiert nicht. Die allermeisten Leute sind ehrlich. Im Gegenteil, als wir auf ghanaischer Seite wieder zusammentreffen, erzählt die Trägerin, die bereits mein Gepäck durchgecheckt hat, dass sie Schwierigkeiten bekommen hatte, weil man die Voodoo-Figuren gefunden hatte und sie Schmiergeld zahlen musste. Auch Nateki wurde heute mehr los als üblich, es sei Freitag und die Beamten bräuchten ja Geld fürs bevorstehende Wochenende. Das Musterland Ghana empfängt mich mit einem unbeschreiblichen Chaos hinter der Grenze und mit der Tatsache, dass der STC-Bus vor unseren Augen losfährt. Ich hätte wohl eher ein Privat-Taxi genommen, aber Nateki will Geld sparen und verfrachtet uns in einen bereits hoffnungslos mit Menschen und Waren überladenen Minibus. Immerhin bekommen wir die besten Plätze zugewiesen, vorne neben dem Fahrer. Die Fahrt wird mal wieder zur Tortur. Schuld daran sind neben der sengenden Sonne und dem unmöglichen Straßenzustand die vielen Straßenkontrollen, die wir über uns ergehen lassen müssen, hinter der Grenze ca. alle 20 Kilometer, durch Polizei, Militär, Zoll, dann wieder Polizei. Immer heißt das Aussteigen, zu Fuß durch die Kontrolle, während das Gepäck abgeladen und gefilzt wird. Bei einer dieser Kontrollen werden mir zwei volle Bierflaschen geklaut, eine geht zu Bruch und das Bier durchtränkt meine gesamte Kleidung. Meine Reisetasche ist außerdem mit Löchern übersät. Es dauert endlos, bis wir in Accra eintreffen. Der einzige Lichtblick auf der Fahrt ist, dass wir bei den zahlreichen Stopps massenhaft leckere und spottbillige Krabben und Riesengarnelen kaufen, Nateki diese während der Fahrt abpult und mir unablässig in den Mund schiebt. So sparen wir uns heute das Abendessen. In Accra besorgt Nateki mir ein billiges, aber gutes Hotel in der Nähe ihrer Wohnung, 15 Euro mit Aircon und TV. Interessant hier, dass sie nie Probleme hat, ohne Kontrolle ins Hotel zu gelangen. Einmal bekommt sie sogar den Zimmerschlüssel, als sie auf mich wartet, während ich unterwegs bin. Statt süßem Nachtleben ist für Nateki erst einmal Wäsche waschen angesagt. Meine Sachen stinken ja nach Bier, daher entferne ich erst einmal alles von den Glassplittern, dann packt sie alles zusammen, fährt nach Hause und wäscht. Später am Abend gehen wir gleich um die Ecke ins Moving Pick, einem Open Air-Lokal im 1. Stock mit Blick auf die Straße, Fast Food und DJ. Daddy Lumba wird gespielt, mein Lieblingssänger hier. Danach dann ins Macoumba, der immer noch angesagtesten Disco, Eintritt am Wochenende 30.000 Cedi, das entspricht dem Schulgeld für ihren Sohn für eine Woche. Auch hier ist es eher angenehm, mit Partnerin aufzulaufen. Wieder im Hotel denke ich nach, ob es richtig war, doch schon so früh wieder in Accra zu sein. Ich wollte mich ja ursprünglich dort nicht mehr lange aufhalten. Aber ich kann mir Schlimmeres vorstellen als das Wochenende gerade in Accra zu verbringen. Außerdem hat mich der Urlaub bisher doch sehr angestrengt. Ich habe bisher genau das erlebt, was ich mir vorher erhofft hatte, vielleicht sogar mehr als das. Es war interessant, aufregend, teils abenteuerlich. Aber die Umstände, das Klima, die fehlende Infrastruktur in Form von schlechten Verkehrsverbindungen, katastrophalen Straßen usw. haben mich ausgelaugt, ein Erholungsurlaub war das sicherlich nicht, den hatte ich mir aber auch gar nicht erwartet. Nun möchte ich aber die letzten Tage nicht mehr groß herumreisen, zumindest aber von einem Ort aus starten. Samstag, 22.03. Accra Verwandtenbesuch ist angesagt, gleichzeitig Wäsche abholen. Nateki will mir zeigen, wo sie wohnt. Wir fahren mit dem Taxi in eine Straße im Ortsteil Kaneshie. Links stehen schicke Häuser, mit hohen Mauern, rechts an der Straßenfront einige Bretterbuden als Verkaufsstände, dazwischen sind schmale Durchgänge in das hinterliegende Wohnviertel. Wir steigen aus und gehen nach rechts. Sie geht voran, dreht sich um und sagt: Ich hätte dir vielleicht sagen sollen, dass ich sehr arm bin. Hier stehen ohne erkennbare Ordnung gemauerte, aber unverputzte Häuser, teilweise verfallen, schmale, staubige Wege, viel Müll. Nach kurzer Zeit bleiben wir vor einem Haus stehen, die Türen sind hier nicht verschlossen, und treten ein. Es besteht aus einem Raum, vielleicht 18 bis 20 qm, mit großem Bett, drei teils kaputten Plastikstühlen, einem Tisch, einem Regal mit allerlei Küchengeschirr, ein kaputter Fernseher steht in der Ecke. Neben dem Bett türmen sich Kleider, durch eine halb hohe Mauer abgetrennt soll demnächst ein kleines Bad entstehen (Bild 27). Im Moment steht dort nur ein Hocker und eine große Plastikschale. Im Zimmer sind gerade ihre Schwester und ihr kleiner Sohn Marc, die Mitbewohner des Hauses bzw. Zimmers. Vor ein paar Tagen kam überraschend ihre Mutter aus Nigeria zurück, sie wird hier zunächst auch mit wohnen, ihr gehört das Haus. Ich werde vorgestellt, auch draußen bei den Nachbarn und weiteren Verwandten und überall herzlich begrüßt. Ihrem Sohn habe ich meine restlichen Haribo-Tüten mitgebracht. Er freut sich natürlich sehr, die Süßigkeiten schmecken ihm gut. Aber auch die Anderen wollen probieren und nehmen ihm nach und nach die Beutel weg, bis nur noch wenige übrig sind. So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Dann bin ich eine Weile alleine mit Marc im Raum und spiele mit ihm und seinen Spielsachen. Es handelt sich um genau drei kaputte Autos. Irgendwann kreuzt Nateki mit meiner Wäsche und Bügeleisen auf. Auf das Bügeln zu warten dauert mir aber zu lange. Ich möchte heute Mittag noch in die Stadt und dann zum Fußball. Für abends bin ich dann zum Essen eingeladen. Ich darf mir etwas wünschen und wähle Shrimps mit Reis. Dass ich das Geld gebe, damit die Zutaten auf dem Markt eingekauft werden können ist selbstverständlich. Überhaupt gehe ich etwas nachdenklicher als ich gekommen bin, wieder weg. Es ist manchmal gut zu wissen, wie die Leute leben, mit denen man es hier zu tun hat. Der Eintritt zum Fußballspiel zwischen den Liberty Professionals und Olympics ist frei, das Schlagerspiel findet erst morgen statt zwischen Hearts und Kotoka. Trotzdem ist das Stadion nur mäßig gefüllt. Plötzlich erinnere ich mich, dass es ja dieses Stadion war, in dem es vor etwa einem Jahr zu einer Katastrophe kam, ausgelöst durch Massenschlägereien rivalisierender Fans, mit über 100 Toten. Auch morgen werde ich Fernsehen wieder gewalttätige Ausschreitungen sehen. Die Stimmung ist gut, aber die Fans sind hier genauso fassungslos über die schlechten Leistungen ihrer Idole wie bei uns. Und schlecht ist das Spiel wirklich, es hat etwa Regionalligaformat. Liberty gewinnt 1:0, durch ein Tor, dass nie und nimmer eines gewesen ist. Das muss ich den Olympic Fans, die neben mir sitzen, immer wieder versichern. Die Meinung eines Beobachters aus dem Lande des Vizeweltmeisters hat hier Gewicht. Auf dem Rückweg steige ich am Kaneshie Markt aus und bummele durch die Gassen, ich habe noch etwas Zeit, dusche ausgiebig, dann geht es zum Abendessen. Das wird gerade vorbereitet, draußen auf verschiedenen Kochstellen, jeder ist dran beteiligt (Bild 28). Das Geld hat neben den Shrimps auch noch für Thunfisch und Corned Beef gereicht, dazu gibt es Gemüse und reichlich scharfe Gewürze. Ich sitze bei den Nachbarn auf der Bank und sehe dem Treiben zu. Es ist eine unendlich friedliche und entspannte Atmosphäre, sie erinnert mich an den Abend bei dem Voodoo-Mann. Hier schwatzt jeder mit dem anderen, es wird viel gelacht, niemand ist hier alleine. Das Essen ist sehr scharf, schmeckt aber köstlich, und ich vertrage es auch ganz gut. Gegen Mitternacht ist dann wieder das Macoumba dran. Von den Nightclub-Abenden bin ich dieses Mal eher enttäuscht. Die fand ich bei meinem ersten Besuch in Accra und auch in Burkina wesentlich besser. Die Discos, in denen wir bisher waren, orientieren sich am westlichen Musikgeschmack. Dabei ist die Stimmung immer dann viel besser, wenn mehr Afrikanisches gespielt wird. Die Polizei Dein Freund und Helfer. Meine nächsten beiden Erfahrungen mit der hiesigen Polizei liegen nur wenige Stunden auseinander. Zunächst werden wir auf dem Weg von der Disco an einer Straßensperre angehalten. Der Polizist leuchtet ins Fahrzeug und bittet mich, einen kleinen Beitrag für neue Batterien für seine Taschenlampe zu leisten. Dem komme ich natürlich gerne nach, gebe großzügig 5000 Cedi, gut 50 Cent also und freue mich, damit die Arbeit der ghanaischen Polizei unterstützen zu können. Sonntag, 23.03. Akosombo Wenige Stunden später sind wir auf dem Weg nach Akosombo. Kurz hinter der Stadtgrenze von Accra die nächste Polizeikontrolle. Ein finster dreinblickender Beamter beanstandet die Wagenpapiere unseres Fahrers. Nach 20 Minuten Palaver und Zahlung von 10.000 Cedi sind sie plötzlich doch in Ordnung. Das Ganze hat vermutlich mit dem Weißen zu tun, der ja heute morgen irgendwo hin will und vermutlich irgendwann darauf dringt, weiterfahren zu können. Wir kommen viel zu früh in Akosombo an. Von hier startet jeden Sonntag die Dodi Princess, ein Schiff im Stile eines Mississippi-Dampfers, nur ohne Schaufelräder, zu einem 6-stündigen Ausflug auf dem Volta-See, mit Essen, genug kalten Getränken und einer Band, die tatsächlich die gesamte Zeit nonstop durchspielt. Das Boot ist gut gefüllt mit vielen Weißen, die allermeisten arbeiten hier in Hilfs- oder kirchlichen Projekten sowie einheimischen, gut situierten Familien, die sich einmal einen schönen Sonntagsausflug gönnen. Unterwegs wird die Dodi Island angesteuert, hier kann man in einer schönen Sandbucht auch baden. Für Nateki ist dies nach ihrer ersten Zugfahrt in Benin nun auch ihre erste Fahrt mit einem Schiff (Bild 29). Obwohl es selbst auf dem See sehr heiß ist, wird es ein schöner und auch erholsamer Ausflug. Auf dem Rückweg steigt die Stimmung und das Tanzdeck ist gut gefüllt. Die Band spielt die gängigen einheimischen Hits. Es ist schade, dass ich diese Musik so selten in den Discos höre. Abends suchen wir uns ein Straßenlokal in Adabraka, Hähnchen mit Reis vom benachbarten Straßengrill, dazu ein großes Star, zusammen 2 Euro. Nateki ist müde vom Ausflug und geht früh schlafen, ich bleibe in der City und gehe bewusst noch einmal die Straße entlang, wo der Überfall am ersten Abend passierte, dann noch etwas weiter. Bald bin ich in einer stockfinsteren Gegend, nur schemenhaft heben sich Gestalten gegen den dunklen Hintergrund ab. Ich habe mich verlaufen, versuche, schnell irgendwo ein Taxi aufzutreiben und zahle einen Mondpreis, um nur schnell in eine belebtere Ecke zu kommen. Zum Abschluß des Abends setze ich mich an einen Tisch am Nkrumah Circle, neben dem Waikiki, einer anderen bekannten Disco. Es dauert keine Minute, bis jemand in gebrochenem Englisch fragt, ob der Stuhl neben mir noch frei ist, Mariam, atemberaubend hübsch, aus Burkina, seit letzter Woche in Accra. Warum wohl ? Sie freut sich, etwas französisch sprechen zu können, aber ich verstehe sie schlecht. Sie sucht jemandem, mit dem sie ins Waikiki gehen kann, wahrscheinlich auch später dann ins Hotel. Ich stehe dafür nicht zur Verfügung, morgen komme ich wieder, Montags hat nur das Waikiki auf, aber dann habe ich meine Begleitung dabei. Mariam akzeptiert das, bleibt nett, lächelt und verabschiedet sich mit Handschlag. Das wäre wohl die andere Alternative gewesen, denke ich mir, wenn man in einem solchen Urlaub nicht jeden Abend auf dem Hotelzimmer stupide TV-Programme glotzen will. Sich irgendwo hinsetzen, von jungen Männern angesprochen zu werden, die jemanden suchen, der ihnen hilft, nach Deutschland zu kommen oder schwarzen Ladies, die anderes im Sinn haben, und zu versuchen, später heil zurück ins Hotel zu kommen. Ich bin mir spätestens jetzt sicher: so wie es bisher gelaufen ist, ist es am besten. Aber auch das wirft Probleme auf. Die kommen noch ... Montag, 24.03. Accra Der Tag beginnt normal, mit dem alltäglichen Chaos auf den Straße Accras. Die spürt man besonders, wenn man so wie wir vom Stadtteil Kaneshie in die Innenstadt, Richtung Adabraka und Markt will. Ob es besser laufen würde wenn sich jeder an die Verkehrsregeln halten würde, weiß ich nicht, aber es würde auf jeden Fall helfen, wenn die Verkehrsmittel in besserem Zustand wären. Heute morgen brechen vor unseren Augen gleich drei Minibusse zusammen bzw. haben Platten. Die Passagiere steigen aus und suchen auf der Straße nach Alternativen. Die Busse werden an Ort und Stelle, d.h. auf der mittleren Fahrspur repariert, bzw. einfach stehen gelassen. Irgendwann kommen wir doch am Makola-Markt an, Souvenir-Einkäufe stehen noch an, dazu Ersatz für meine kaputte Reisetasche. Nateki managt alles, ich hätte sicherlich mehr als das Doppelte für die Einkäufe bezahlt. Dann alles zurück ins Hotel, Wertsachen aus dem Safe geholt und wieder in die Stadt, die mitgebrachten Euros in bar sind wegen des niedrigen Preisniveaus erst am vorletzten Tag zur Neige gegangen, nun will ich noch ein paar Reiseschecks eintauschen. Wir steigen vor dem Hotel in ein Taxi, ich prüfe noch einmal, ob ich alles in meiner Gürteltasche habe, was ich brauche und dann geht es los zur Bank. In der Ecobank dann will ich meine Schecks herausholen die Gürteltasche ist nicht mehr da, ich habe sie wohl im Taxi liegen gelassen !! Das ist nun natürlich schon weg. Auf das Gefühl, am Tag vor der Abreise in einem fernen Land wie Ghana ohne Reisepass, Flugticket und Geld dazustehen, kann ich künftig gerne verzichten. Ich versuche, einigermaßen ruhig zu bleiben, auch wegen Nateki, die völlig fassungslos ist, ich hätte doch immer so gut auf meine Sachen aufgepasst. Meinen Abflug morgen schreibe ich sofort ab, aber es stellt sich heraus, dass es trotz allem klappen könnte, es muss nur alles schnell gehen: erst zur Botschaft, vorläufigen Pass beantragen, dafür Passbilder machen lassen, ins Hotel, Kopien des Ausweises holen, dann entfallen auch die Rückfragen in Deutschland, zum Lufthansa-Büro wegen des Flugtickets, leider wollen sie mein Gratisticket nicht umschreiben, ich müsse ein neues kaufen, also brauche ich Geld, zuhause anrufen, ich komme aber nicht durch. Das Wichtigste: Polizeiprotokoll, also zur Polizeistation. Der Beamte ist mit der Aufnahme eines Protokolls völlig überfordert, hat schon Schwierigkeiten, meine Personalien aus meiner Passkopie abzuschreiben. Aber ein Anderer in Zivil, vielleicht ein höherer Polizeioffizier, kommt zu Hilfe und übernimmt die Protokollaufnahme. Das Ganze wird von den Häftlingen, die im Gefängnis direkt hinter der Polizeistube an den Gittern kleben, aufmerksam verfolgt. Um 14.45 Uhr, 15 Minuten vor Schließung der Botschaft habe ich alles beisammen und kann morgen früh um 10 meine Papiere abholen, muss damit dann aber noch zum Immigration Office. Während der ganzen Zeit hatte ich immer gehofft, dass der Taxifahrer ein ehrlicher Mann ist und die Wertsachen zurückbringen würde, zur Bank oder zum Hotel, wo wir eingestiegen sind. Nateki ist bei der ganzen Geschichte eine enorme Hilfe, sie wartet lange vor der Bank, versorgt dann das Wachpersonal mit meinen Personalien und Telefonnummer des Hotels, falls der Taxifahrer wieder auftaucht, ruft ständig im Hotel an und fährt zu allen Radiostationen Accras. Die dienen nämlich als eine Art Fundbüro und machen auch Durchsagen. Geld haben wir kaum noch. Trotzdem will ich gegen Abend etwas Trinken gehen und ins Waikiki können wir auch noch wie geplant, wenn wir aufs Essen verzichten. Nateki ist wieder fassungslos, wie könne ich denn jetzt an so etwas denken. Als wir an der Rezeption den Schlüssel abgeben, steht dort ein junger Mann der Sohn vom Taxifahrer, in den Händen hält er - meine schwarze Gürteltasche. Sein Vater hat gerade die Tasche beim Saubermachen gefunden, sie muss wohl unter den Beifahrersitz gerutscht sein. Ich hatte mich bisher gut unter Kontrolle, nun hätte ich am liebsten losgeheult. Tue ich aber doch nicht. Ich bitte den Sohn, morgen Mittag wieder zu kommen, dann würde ich ein Geschenk für seinen Vater mitgeben, im Moment habe ich ja kein Geld mehr. Da auch bereits das Geld aus Deutschland unterwegs ist, das ich nun doch nicht mehr brauche, können wir uns nun auch wieder Essen, Trinken und Disco leisten. Nateki ist fast noch glücklicher wie ich selber, sie will unbedingt zuhause vorbeifahren und die gute Nachricht überbringen. Man hat sich auch dort große Sorgen gemacht. Die Freude fällt tatsächlich überschwänglich aus. Alle sind erleichtert, dass die Sache so gut ausgegangen ist. Und etwas haben auch sie dazu beigetragen: ihre Mutter ist zu einem alten Mann im Viertel, eine Mischung aus Medizinmann und Bürgermeister, gegangen und hat um spirituellen Beistand gebeten. Heute Mittag im Hotel hatte ich auch meinen Voodoo-Fetisch mal kurz mit meiner aktuellsten Sorge besprochen ... Dienstag, 25.03. Accra - Frankfurt Gestern Nachmittag noch musste ich überlegen, ob ich mir eine Cola leisten konnte oder nicht, heute um 9 Uhr habe ich den ganzen Rucksack voller Geld ! Ehrlich. Das überwiesene Geld habe ich bei Western Union in Cedi ausgezahlt bekommen, mehr als 17 Millionen, in 5000 und 2000 Cedi-Scheinen. Nachdem ich bei der Botschaft Bescheid gesagt habe, dass ich meine Wertsachen wieder habe und den vorläufigen Pass doch nicht bräuchte die haben sich dort richtig gefreut- bin ich den Rest des Vormittags damit beschäftigt, meine Cedis wieder in Euro zurückzutauschen. Es gibt zwar viele Wechselstuben, aber jede hat einen anderen Kurs, und niemand hat besonders viele Euro zum Verkauf. Der Rücktauschverlust ist recht gering, ca. 25 Euro. Dann fahre ich zu Natekis Haus. Der Taxifahrer staunt, wo ich ihn hinlotse. Ich finde es auch tatsächlich und verabschiede mich von der Verwandtschaft. Nateki kommt mit zum Hotel. Dort packe ich meine Sachen in meinen neuen Koffer, der Flieger geht um 19.30 Uhr. Nateki schaut zu, will zu meiner Überraschung meine kaputte Reisetasche mitnehmen, dazu ein völlig verdrecktes Handtuch und alles, was ich sonst noch wegwerfen wollte. Die Situation gefällt mir nicht. Die guten Sachen nehme ich wieder mit, den Müll lasse ich hier. Es ist sinnbildlich für vieles, was ich in Afrika gesehen habe. Das Flugzeug fliegt pünktlich los, landet überpünktlich in Frankfurt. Ich habe sogar ein bisschen geschlafen. Aber als ich zuhause ankomme, fühle ich mich müde und erschöpft. Das Gefühl wird sich in den nächsten Tagen sogar noch verstärken, ich bräuchte eigentlich dringend noch ein paar Tage Urlaub vom Urlaub, noch nie hat mich eine Reise so angestrengt. Aber irgendwann werden auch die Strapazen dieses Urlaubs vergessen sein, wie immer, und dann bleiben nur noch die schönen, interessanten, aufregenden und abenteuerlichen Dinge, die man erlebt hat, in Erinnerung ... 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