| Gallery Patrol auf Fact finding tour ![]() Eine Delegation von Hilfsorganisationen auf Mission zur Beurteilung der Lage.
Werbefahrt ins Minenfeld 24.09.2004 (View count: 2510) Die letzten drei Tage war ich auf Achse. Der Grund war eine Delegation von interessierten NGO's welche uns einen Besuch abstatteten. Darunter waren auch ein Schweizer, ein Franzose, der in Genf arbeitet und ein kenianischer Major. Wir besuchten verschiedene Regionen von Puntland, welche von der Minen-Problematik betroffen sind. Ich hatte die Gelegenheit diese Leute zu begleiten und somit einen ersten Einblick in ein anderes Gebiet als nur gerade einige Kilometer rund um Garowe zu erhalten. Anfänglich war ich noch etwas skeptisch ob der Teilnahme an diesem Unternehmen, da die Sicherheitslage in Galkayo nicht die Beste ist. Doch um mich ein Abenteuer reicher zu machen, sage ich selten Nein.Wir verliessen dann Garowe auch recht früh morgens um noch am selben Tag einige Meetings abhalten zu können. Den ersten Teil der Strecke legten wir leicht zurück, da die Strasse einigermassen gut ist. Sicherlich kein Vergleich zu Schweizer Strassen. Der zweite Teil ist mühsamer. Es folgen sich die schlechten Strassenabschnitte nur so. Ein Schlagloch nach dem anderen und eines grösser als das andere. Doch die Fahrt war trotzdem auszuhalten, weil wir bequeme Landcruiser gemietet hatten. Nun die Fahrt von gut 200 km durch eine öde kaum wechselnde Wüstenlandschaft war nicht so spektakulär. Es gibt nicht mehr sehr viel wild lebende Tiere in dieser Gegend des Horns von Afrika. Wir sahen einige Strausse, Dik-Dik's, wilde Hühner, Kamele und natürlich Vögel. Am Ziel angelangt war unsere erste Sorge die Unterkunft. Nach zwei erfolglosen Versuchen in uns bekannten Hotels unterzukommen, entschieden wir uns noch das neue Hotel ausserhalb der Stadt zu finden. Dies hatte freie Zimmer und war nicht einmal teurer als die alten, dunklen Häuser in der Stadt. Wir buchten ein VIP-Zimmer für gerade USD 20.-- und waren ab der Einrichtung überrascht. Ich hatte bisher diese Aufmerksamkeit fürs Detail überall vermisst. Die Jungs, die die grosse Hotelanlage schmeissen, scheinen auch etwas von Service zu verstehen. Wir hatten eine super gute Betreuung. Da es bereits zwei Uhr mittags war, haben wir auch noch gleich den Lunch auf der Hotelterasse eingenommen. Bereits während des Mittags versuchten wir die Meetings für den Rest des Tages zu organisieren. Das erste galt dem Bürgermeister der Stadt. Dieser empfing uns mit einer Delegation in seinem Büro. Wiederum das typische Bild einer afrikanischen Amtsstube. Es stehen ein Bürotisch und ein bequemer Stuhl in der Mitte des Raums. Entlang den Wänden stehen einige weniger bequeme Stühle für die Besucher. Das ist bereits Alles. Selten sieht man Papier oder Ordner. Es scheint als hätten diese Leute alles im Kopf, was natürlich nicht stimmt. Die Tatsache ist wohl eher, dass hier nicht viel gearbeitet respektive geschrieben wird. Alles wird mündlich erledigt, deshalb ist das Mobiltelefon auch der wichtigste Gegenstand. Nun ist es aber leider so, dass die Interkonektion in Somalia noch nicht Tatsache ist und so deshalb wichtige Amtsträger mit drei verschiedenen Handys herumlaufen. Entsprechend der Anzahl Telefone im Raum ist es natürlich auch während eines ganz offiziellen Empfangs im Raum ein riesiges Rington-Konzert. Je abartiger und blöder der Rington umso mehr Aufmerksamkeit! Nun, der Besuch beim Bürgermeister ist ein riesiges Werbespektakel. Wir werden mit viel rührenden Worten und vorauseilendem Lob willkommen geheissen. Doch bereits während der Vorstellungsrunde ändert sich der Ton und spätestens als wir die Probleme ansprechen hören wir wortwörtlich, was von uns verlangt wird. Da ich als Vertreter von UN auch das Wort ergreife und erkläre, was wir bereits alles getan haben und die Unterstützung durch die Behörden vermissen, trotz der bereits gemachten Zusicherung, dass wir vollen Support haben, stelle ich für einen Moment fest, dass meine Aussagen wohl etwas von der erwarteten Diplomatie vermissen lassen. Trotzdem bereue ich nicht diesen Ton angeschlagen zu haben, um einmal klar zu machen, dass wir nicht ganz für dumm zu verkaufen sind und um die ewig auf uns liegende Anschuldigung "Nichts zu unternehmen" abzuschütteln. Das Meeting endet mit einem freundlichen Händeschütteln und einem netten Lächeln doch hinter der Fassade kann man das Krachen im Gebälk spüren. Ein zweites Meeting haben wir mit WAWA. Dies ist eine Frauenorganisation, die von einer starken Somalierin geführt wird. Hawa, so ihr Name, erwartet uns ohne Delegation und viel Pomp. Sie bewirtet uns mit einem Tee und wir kommen dann sofort zur Sache. Sie kann uns viele Informationen geben, welche die Realität wohl gut abzubilden vermögen. So dass wir nicht dauernd die Aussagen filtern müssen und darüber spekulieren was wohl Marketing, was Bluff und was real ist. Als wir sie nach der Abkürzung WAWA fragen, teilt sie uns mit, dass das für "We are women activist.." steht. Hawa verabschiedet uns dann auch und wir fahren zurück zum Hotel, da um sechs Uhr, und diese Stunde ist bereits überschritten, die Ausgangssperre beginnt. Im Hotel geniessen wir eine wiederum gute Mahlzeit, herrlichen Mangosaft und vor Allem Cappuccino aus einer echt italienischen Kaffeemaschine. Auch die Abendunterhaltung lässt keinen Wunsch offen. Eine riesige DVD Anlage, mit der nicht einmal ich zuhause in der Schweiz mithalten kann, steht in einem gut eingerichteten Raum, der fast vergleichbar ist mit Sadam Husseins Salon. Der folgende Morgen beginnt mit einer grösseren Tortur. Der Weg in die abgelegene Gegend von Goldogob, nahe der äthiopischen Grenze, ist steinig und voller Schlaglöcher. Doch dieser bleibt uns nicht erspart. Aus Sicherheitsgründen ist der direkte Weg geschlossen. Es liegen zu viele Mienen in der Gegend. Zudem kommt es dort zwischen zwei Clans des Öfteren zu Scharmützel. Wir sind gezwungen den langen Umweg auf einer Piste in schlechtem Zustand zu machen. Die Fahrt dauert gut drei Stunden und führt durch eine öde Wüstenlandschaft. Kurz vor Goldogob werden wir durch einen Wagen aufgehalten. Es ist unser Empfangskomitee. Wir werden vom Bürgermeister und einigen seine Mitarbeiter persönlich begrüsst. Im Konvoi fahren wir im Dorf ein. Vor dem Gemeindehaus wartet bereits eine grosse Menschenmenge auf unsere Ankunft. Man weißt uns Sitzplätze zu und bewirtet uns mit einer Cola. Mehrere Redner vom Bürgermeister über den Dorfältesten zu Vertretern von Jugend- und Frauenorganisationen heissen uns herzlich willkommen und freuen sich, dass wir von so weit gekommen sind um ihnen zu helfen. Es fehlt allerdings in den Reden auch nicht an Kritik wie viele Organisationen bereits versprochen hätten zu helfen und dann nichts getan hätten. Es wird auch ganz klar gesagt, was von uns verlangt wird. Gegen Ende der Veranstaltung hört es sich an wie ein Forderungskatalog. Daraufhin fahren wir im Konvoi Richtung Minenfeld. Man will uns ja schliesslich zeigen, welche Probleme die Bevölkerung beschäftigen. So langsam scheint mir die ganze Veranstaltung wie eine gut organisierte Werbefahrt. Wir fahren nach der Besichtigung des Minenfeldes zum Depot, wo die nicht detonierten Sprengkörper aufbewahrt werden. Auch dort werden wir zuerst freundlich willkommen geheissen und anschliessend mit einem Forderungskatalog bombardiert. Auch der dritte Besuch einer kleinen Gesundheits-Klinik hat denselben Zweck. Es ist tatsächlich wie ein guter Werbeauftritt um möglichen Geldgebern eindrücklich darzustellen, wie wichtig Hilfe in dieser Gesellschaft ist und ihm dann noch ein wenig auf die Tränendrüse zu drücken oder zumindest ein wenig Mitleid zu wecken. In dieser Station wird uns nämlich vorgeführt mit welchem Engagement die Bevölkerung hinter solchen Projekten steckt, obwohl uns Allen bewusst ist, dass nur etwa die Hälfte stimmt, was uns weiss gemacht wird. Wir können unsere skeptischen Gefühle nicht vollständig unterdrücken, was dann auch in einem eher bescheidenen Konvoi zu unserer Verabschiedung zum Ausdruck kommt. Nach einer dreistündigen Rückfahrt nach Galkayo diskutieren wir unter uns den Tag. Tatsächlich sind zwei der drei anwesenden Organisationen bereit in diesem Teil Somalias aktiv zu werden sofern die Geldgeber bereit sind Geld aufzubringen. Die Frage ist nur, wo die Hilfe am dringendsten und nötigsten ist. Wir stimmen in der Meinung überein, dass wir heute Zeuge eines eindrücklichen Werbeauftritts eines Dorfes wurden, das sich erhofft, ein Stück des grossen humanitären Kuchens abzuschneiden. Leider hatten sie es mit Spezialisten im Zusammenhang mit der Minenproblematik zu tun und ihre Blenderei konnte nur eine bescheidene Reaktion auslösen. Wie soll man beispielsweise Leuten helfen, die sich ihres Schicksals in einer minengefährdeten Gegend zu wohnen bewusst sind und trotzdem grosse Gefahren auf sich nehmen um finanziellen Profit daraus zu schlagen. Eine humanitäre Minenräumung in grossem Mass hat hier nur sehr beschränkte Wirkung und findet die Unterstützung der Bevölkerung nicht, es sei denn die Aktion werde materiell so lukrativ, dass sie die breite Zustimmung findet. Wir bewegen uns also in einem Dilemma zwischen humanitärer Hilfeleistung und kommerziellem Geschäft. Es ist wie ein Kampf zwischen Empfänger und Geber (der Hilfeleistung). Wer kann sich in diesem Spiel die bessere Ausgangslage verschaffen? Der Empfänger versucht ein so grosses Stück vom Kuchen abzuschneiden als nur möglich und dies mit möglichst wenigen Bedingungen verknüpft. Der Geber ist ebenso interessiert über ein grosses Stück verfügen zu können. Die totale Kontrolle aber bei ihm liegt. Das Spiel um Geld und Macht herrscht auch in der humanitären Welt vorbildlich. Der offizielle Teil unseres dritten Tages in der Region Mudug ist kurz. Auf unserem Programm steht nur noch der Besuch der pedriatischen Klinik des Roten Halbmondes und des Spitals von Galkayo. Sinn und Zweck dieser Besuche ist es, herauszufinden, welche Folgen die Landminen auf die Bevölkerung in medizinischer Hinsicht haben. Beim Roten Halbmond stellt sich heraus, dass die Problematik nicht riesig ist. Es überrascht eher die Tatsache, dass die Opfer von Minen nicht das typische Bild einer Beinverletzung zeigen, sondern einer Verletzung an Händen und Gesicht. Dies wiederum lässt den Schluss zu, dass es sich hier nicht um echte Minenunfälle handelt, sondern die Unfälle bewusst durch Manipulation von Minen provoziert werden. Auch im Spital wird uns bestätigt, dass die Anzahl von Minenopfern gering ist und dasselbe Muster aufweisen wie uns zuvor begegnet ist. Visuell erhalten wir erst jetzt einen Beweis für einen Minenunfall. Leider wird es uns nicht ermöglicht mit dem Opfer zu reden und ihn um eine Erklärung für den Unfall zu bitten. Doch auch hier ist es das Bild einer Verstümmelung der Hände. Diese dreitägige Tour in Puntland hat mir nicht nur einen tieferen Einblick in die Minenproblematik verschafft, sondern auch in die Lebensweise der somalischen Bevölkerung. Das Ausbrechen aus meiner üblichen Arbeitsumgebung des UN Compounds in Garowe war eine gewaltige Erweiterung meines Horizontes in dieser Gegend des Horns von Afrika. Es ist nicht, dass sich mein Eindruck der somalischen Bevölkerung wesentlich verändert hätte. Es ist vielmehr, dass ich eine breitere Basis gefunden habe, auf welcher ich meine Argumentation aufbauen kann. ORIGINAL | |||||||||||